Tetzner Lisa

Lisa Tetzner wurde am 10. November 1894 als Tochter eines Arztes in Zittau (Lausitz) geboren. Sie wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Wegen einer Erkrankung war sie schon in jungen Jahren zeitweilig auf den Rollstuhl angewiesen. Nach dem Besuch der „Sozialen Frauenschule“ in Berlin und der Ausbildung an der Schauspielschule schloss sie sich der Jugendbewegung an. Ab 1918 zog Tetzner als Märchenerzählerin durch Thüringen, Schwaben und das Rheinland und trug zur Wiederbelebung der Märchentradition bei, in dem sie auch als Herausgeberin von Märchensammlungen und Anthologien wirkte. 1924 heiratete Tetzner den Kinderbuchautor Kurt Held (d.i.Kurt Kläber). Seit Mitte der Zwanziger Jahre war sie beim Berliner Rundfunk als Leiterin der Kinderstunde tätig und veröffentlichte erste eigene Werke für die Jugend. Von den Nationalsozialisten verfolgt, emigrierte das Paar 1933 in die Schweiz. In Carona bei Lugano, wo sie bereits die Sommer seit 1924 verbracht hatten, fanden Tetzner und Held eine neue Heimat. Die schweren Exiljahre waren jedoch auch von materieller Not geprägt. Erst 1948 erhielt Lisa Tetzner, die Schweizer Vorfahren hatte, die Eidgenössische Staatsbürgerschaft. Sie starb am 2. Juli 1963. Die Jugendbuchautorin verfasste zahlreiche realistische, sozialkritische Bücher. Als ihr Hauptwerk gelten die neunbändigen „Erlebnisse und Abenteuer der Kinder aus Nr.67“, die sie noch in ihrer Berliner Zeit zu schreiben begann. Einen ebenso hohen Bekanntheitsgrad weist der Jugendbuchklassiker „Die Schwarzen Brüder“ von 1940/41 auf, den Tetzner zusammen mit ihrem Mann verfasste. Neben dem eigenen literarischen Schaffen hat Tetzner auch als Übersetzerin von Kinderbüchern aus dem Englischen und Italienischen gewirkt. Verfilmungen, Übersetzungen in viele verschiedene Sprachen und zahlreiche Neuauflagen sprechen für sich: Lisa Tetzner gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Jugendbuchautorinnen überhaupt.

Links
www.kinderundjugendmedien.de/index.php/autoren/370-tetzner-lisa
www.rossipotti.de/inhalt/literaturlexikon/autoren/tetzner_lisa.html
www.zeit.de/1994/45/in-aufgeloester-zeit-ehrlich
www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Das-rote-Haus-der-roten-Lisa/story/12151067
www.pantrova.ch/index.php?&lang=de

Opere:
  • Vom Märchenerzählen im Volke. Jena: Eugen Diederichs, 1919
  • Im Land der Industrie zwischen Rhein und Ruhr. Ein buntes Buch von Zeit und Menschen. Jena: Eugen Diederichs, 1923
  • Aus Spielmannsfahrten und Wandertagen. Ein Bündel Berichte. Jena: Eugen Diederichs, 1923
  • Deutsches Rätselbuch. Aus alten und neuen Quellen. Jena: Eugen Diederichs, 1924
  • Der Gang ins Leben. Roman. Jena: Eugen Diederichs, 1926
  • Vom Märchenbaum der Welt. Berlin: Büchergilde Gutenberg, 1929
  • Hans Urian. Die Geschichte einer Weltreise. Stuttgart: D.Gundert, 1929
  • Erlebnisse und Abenteuer der Kinder aus Nr.67. Die Odysse einer Jugend. 9 Bde. 1933-49
  • Bd 1: Erwin und Paul. Die Geschichte einer Freundschaft. Stuttgart: D.Gundert, 1933.
  • Bd 2: Das Mädchen aus dem Vorderhaus. Aarau: Sauerländer, 1948
  • Bd 3: Erwin kommt nach Schweden. Aarau: Sauerländer, 1944
  • Bd 4: Das Schiff ohne Hafen. Aarau: Sauerländer, 1944
  • Bd 5: Die Kinder auf der Insel. Aarau: Sauerländer, 1944
  • Bd 6: Mirjam in Amerika. Aarau: Sauerländer, 1945
  • Bd 7: Ist Paul schuldig?. Aarau: Sauerländer, 1945
  • Bd 8: Als ich wiederkam. Aus Erwins Tagebuch. Aarau: Sauerländer, 1946
  • Bd 9: Der neue Bund. Aarau: Sauerländer, 1949
  • Was am See geschah. Die Geschichte von Rosmarin und Thymian. Berlin: H.Stuffer, 1935
  • Die Reise nach Ostende. Aarau: Sauerländer, 1936
  • Die schwarzen Brüder. Erlebnisse und Abenteuer eines kleinen Tessiners. Aarau: Sauerländer, 1940/41
  • Anselmo. Eine Geschichte aus dem Tessin. Bern: Blaukreuz-Verlag, 1944
  • Die Kinder aus Nr. 67. Odyssee einer Jugend. Dresden: Sachsenverlag, 1949
  • Dänische Märchen. Ausgewählt und Nacherzählt von Lisa Tetzner. Bergen: Müller&Kiepenheuer, 1950
  • Su. Die Geschichte der sonderbaren zwölf Nächte. Boudry: Baconnière, 1950
  • Die schwarze Nuss. Geschichten und Märchen von Indianern, Negern und Insulanern. Düsseldorf: Eugen Diederichs, 1952
  • Su und Agaleia. Berlin: Gebr.Weiss, 1953
  • Der kleine Su aus Afrika. Berlin: Gebr.Weiss, 1953
  • Das Töpflein mit dem Hulle-Bulle-Bäuchlein und andere Märchen für die Kleinsten. Aarau: Sauerländer, 1953
  • Wenn ich schön wäre. Ein Roman von jungen Menschen. Baden-Baden: Stuffer, 1956
  • Bunte Perlen. Kindergeschichten aus aller Welt. Gütersloh: Bertelsmann, 1956
  • Das Märchenjahr. Märchen der Welt für 365 und einen Tag. München: Kösel, 1956
  • Das Mädchen in der Glaskutsche. Berlin: Dressler, 1957
  • Das Füchslein und der zornige Löwe. Tiermärchen aus aller Welt. Aarau: Sauerländer, 1958
  • Das war Kurt Held. 40 Jahre Leben mit ihm. Aarau: Sauerländer, 1961

Parte di testo da "Die schwarzen Brüder" [S. 129-130]

„Wisst ihr auch, was euch in Mailand erwartet?“
Giorgio und Alfredo nickten. „Wir werden Kaminfeger.“
„So, das wisst ihr. Wisst ihr aber auch, dass dieses Handwerk das schlimmste Handwerk für Buben, wie ihr seid, ist?“
Giorgio senkte sein Gesicht. „In unserem Dorf hat sogar einer gesagt, die Kaminfegerbuben in Mailand sterben wie die Fliegen.“
„Das wisst ihr alles, und trotzdem habt ihr mich aus dem Wasser gezogen?“ Der Mann mit der Narbe schneuzte sich und sah sie mit einem leichten Kopfschütteln an. „Wisst ihr, was ich an eurer Stelle getan hätte? Ich hätte den Antonio Luini ersaufen lassen, dann die Beine unter den Arm genommen und wäre so schnell als möglich wieder in mein Heimatdorf zurückgelaufen.“
Giorgio sprang auf. „Das können wir ja jetzt noch tun.“
„Nein“, erwiderte der Mann, „jetzt ist es zu spät.“
„Warum?“
„Weil ich dann in euer Dorf gehe und dich von deinem Vater zurückverlange. Nein, ihr hättet mich schon ersaufen lassen müssen, um frei zu werden.“
Giorgio setzte sich. Auch Alfredo hatte sich wieder auf den Sand gesetzt. Beide blickten auf das Wasser.

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