Solèr Pia

Pia Solèr wurde 1971 in Vrin im Kanton Graubünden geboren und ist dort aufgewachsen. Nach der Lehre als Verkäuferin in einem Musikgeschäft arbeitete sie als Hirtin auf der Ziegenalp von Vrin. In dieser Zeit konnte sie im rätoromanischen Film «Levzas Petras» – Bittere Lippen (1994) die weibliche Hauptrolle übernehmen. In der Winterzeit unternimmt sie Reisen in ferne Länder wie Mexiko, Libyen oder China. Heute ist sie während des Sommers für die Schafe auf der Alp Scharboda in der Gemeinde Vrin verantwortlich. Sie lebt sommers im Weiler Vanescha, winters in Vrin. Nach einer Anregung von aussen hat Pia Solèr mit vierzig Jahren zu schreiben begonnen. In ihrem Buch «Die Weite fühlen» berichtet sie über ihre Gedanken und Erlebnisse aus ihren Alpsommern und von den Wintern in Vrin.

Opere:
  • Die Weite fühlen: Aufzeichnungen einer Hirtin. Frankfurt a. Main: Weissbooks.w, 2011
  • Die Weite fühlen: Aufzeichnungen einer Hirtin (Taschenbuchausgabe). München: Diana-Verlag, 2013

Parte di testo da Die Weite fühlen
Vielleicht ist meine Freiheit auch eine Freiheit, wie sie die Gemsen fühlen. Denn ich habe kein Bedürfnis nach Dorf oder Stadt. Ich kaufe vor dem Sommer so viel ein, dass auch der Einkauf wegfällt. Das ist wohl eine extreme Neigung von mir, denn ich kenne keine anderen Hirten, die nie ins Dorf zum Einkauf gehen. Ach doch, die Marion. Dafür machen wir aber gerne Ausflüge in die Berge.

Die Kleidung muss funktionell sein. Wasserdicht, wenn es warm ist, leicht. Das Wichtigste aber sind gute Schuhe, Stecken und Feldstecher. Der Hirte muss nur sich selber und den Tieren gefallen, und die legen keinen Wert auf Mode und den letzten Schrei. Wenn der Hirte gut zu den Tieren ist, ist das Tier gut zum Hirten.

Termine gibt es auch auf der Alp. Tiere und Tage bestimmen sie. Und doch bin ich dabei frei. Ich kann die Tage gestalten, wie ich will. Ich darf die Tiere so hüten, wie es mir gut scheint. Jeder Hirte hütet anders. Und niemandem kann man es recht machen. Doch solange ich die Meinungen anderer nicht höre, bin ich frei wie ein Vogel. Ich habe meine Idee und andere ihre. Ich sammle Erfahrungen und versuche, aus ihnen das Beste zu machen. Meine Sorge ist das Wohl der Tiere, vor allem während der Alpzeit. Ich zweifle auch oft, ob ich es richtig mache.

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