Schertenleib Hansjörg

Hansjörg Schertenleib wurde am 4.11.1957 in Zürich geboren. Er machte eine Ausbildung zum Schriftsetzer und besuchte anschliessend die gestalterische Berufsmittelschule an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Längere Aufenthalte in Norwegen, Dänemark und Wien folgten. Seit 1981 ist er freier Autor. Schertenleib lebt im County Donegal in Irland. Schertenleibs Figuren wollen zunächst einmal räumliche Distanz schaffen zwischen sich und dem Land, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Zugleich wollen sie aber auch Distanz zu sich selbst gewinnen, sich selbst mit Abstand betrachten. Damit das Vertraute fremd wird, suchen sie eine andere Umgebung, doch in der Fremde sehnen sie sich auch wieder zurück; nicht an einen bestimmten Ort, nicht in ihr "Heimatland", aber doch in einen Zustand, der ein zumindest vorübergehendes Bleibenkönnen erlaubt. Sie suchen festen Boden im hohen Norden, in Österreich, in Mexiko und verlieren ihn erst recht ("Grip", 1982; "Die Ferienlandschaft", 1983; "Die Geschwister", 1988). Mit dem im Frühjahr 1996 veröffentlichten Roman "Das Zimmer der Signora", feierte der Autor auch einen kommerziellen Erfolg.

Links
www.shertov.com
www.videoportal.sf.tv/video?id=78ef39ec-b205-4fe3-9844-1946d4229b6c
www.coopzeitung.ch/Hansjoerg+Schertenleib_+_Ich+bin+offenbar+ein+alter+Hippie_
www.srf.ch/sendungen/focus/hansjoerg-schertenleib-bin-nicht-geeignet-fuer-freundschaften

Opere:
  • Grip. Drei Erzählungen. Zürich / Köln: Benziger, 1982
  • Die Ferienlandschaft. Zürich / Köln: Benziger, 1983
  • Die Prozession der Männer. Fünf Erzählungen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1985
  • Die Geschwister. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1988
  • Der stumme Gast. Gedichte. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1989
  • Der Antiquar. Erzählung. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1991
  • Das Zimmer der Signora. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1996
  • November; Rost. Gedichte. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1997
  • Zeitpalast. Hamburg: Carlsen, 1998 (Roman für Jugendliche)
  • Die Namenlosen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2000
  • Von Hund zu Hund. Geschichten aus dem Koffer des Apothekers. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2001
  • Schattenparadies. Hamburg: Carlsen, 2001 (Roman für Jugendliche)
  • Der Papierkönig. Berlin: Aufbau, 2003
  • Der Glückliche. Novelle. Berlin: Aufbau, 2005
  • Das Regenorchester. Berlin: Aufbau, 2008
  • Cowboysommer. Berlin: Aufbau, 2010
  • Nachtschwimmer. Berlin: Aufbau, 2012
  • Wald aus Glas. Berlin: Aufbau, 2012
  • Der verlorene Wolf. Bilderbuch (Ill.: Katja Wehner). Berlin: Aufbau, 2013
  • Jawaka. Roman. Berlin: Aufbau, 2015
  • Lichtung, Strand. Gedichte aus 35 Jahren. Hitzkirch: Ed. Bücherlese, 2015

Premi:
  • Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis (1984) Förderpreis des Literarischen März (1985)
  • Förderpreis Leonce-und-Lena-Preis (1985)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1988 / 1996)
  • Werkjahr Pro Helvetia (1988 / 1991 / 1997)
  • Ganz-Preis des Schriftstellerverbandes (1989)
  • Stipendium des Deutschen Literaturfonds e.V. (1994 / 1998)
  • Gastpreis des Kantons Luzern (1995)
  • Kranichsteiner Literaturpreis (1995)
  • Förderpreis Christine-Lavant-Lyrikpreis (1995)
  • Stadtschreiber von Minden (1998)
  • Ehrengabe der Stadt Zürich (2001)

Parte di testo da "Der Antiquar" [S. 113-115]

Böen lufteten aus dem Bergell über die Passhöhe und strichen über die Schneefelder um Maloja. Die Fahrt durch Oberitalien war zu einer Reise vom Frühling zurück in den Winter geworden, und die Landschaft hatte sich verändert. Das Grün der Wiesen am Ufer des Comersees wurde fahler und bleicher, je näher sie dem Bergell kamen, braune und graue Farbtöne nahmen Überhand, und sonnenversengte Abhänge rückten vor ihre Scheiben. Dann verstellten die Granitmassive der Sciora-Gruppe die Sicht, und wie sie in die Kurven des Maloja einfuhren, türmte sich beidseits der Passtrasse Schnee, zusammengesunken zu russverdreckten Haufen.
Sie hatten Arthur Dolds Gepäck in seinem Zimmer im Hotel «Rhätia» am Rande von Sils deponiert und waren dann zurück nach Maloja gefahren, weil sie gemeinsam essen wollten, bevor Lea ins Unterland weiterreiste.
An einem Ecktisch im «Kulm» feierten sie Abschied, im Licht einer Kerze und mit wehmütiger Radiomusik, die sie an einen Abend ganz am Anfang ihrer Liebe erinnerte. Sie waren damals über zwei Stunden von Restaurant zu Restaurant gefahren, auf der Suche nach einem Tisch, der ihrer Stimmung entsprach. Während sie von Lokal zu Lokal fuhren, hörten sie Radio, und irgendwann, nach dem vierten- oder fünftenmal, da sie fluchtartig einen Grill-Room mit unmöglichem Interieur verlassen hatten, war ihnen das Fahren wichtiger geworden als das Essen. An einer Raststätte füllten sie den Tank, und danach fuhren sie direkt bis an den Genfersee. In einem Hotel neben dem Bahnhof von Montreux zeigte er Lea dann den Abzug von Ricciolis Mondkarte von 1651. Er hatte sie am Nachmittag gekauft, und die Rolle lang im Fond ihres Wagens. Und so sassen sie nackt in einem Hotelzimmer über einer Mondkarte; unter ihrem Fenster fächerten sich Schienenstränge auf, warteten späte Reisende. Hungrig hatten sie sich über die Zimmerbar hergemacht, über Erdnüsse und Schmelzkuchen und eine Flasche Champagner, welche Arthur Dold auf dem Balkon öffnete, weil er das Knallen des Korkens in den Strassen hören wollte wie das Echo eines Schusses.
Anhand der Mondkarte hatte er Lea beweisen wollen, dass man Karten nicht bloss ansehen, sondern im eigentlichen Sinne lesen musste. Der Ferrareser Astronom Riccioli zum Beispiel hatte den Mondkratern die Namen berühmter Astronomen, Mathematiker und Physiker gegeben - damit war seine Karte eine sprechende Geschichte der Astronomie. Sie sassen über dem quadratischen Blatt, angetrunken und ausgelassen, bis erste Lichtbahnen auf dem See lagen und rasch breiter wurden. Kopernikus. Hippacharus. Heraklides. Sie hatten den Mond zur Landschaft gemacht und in Regionen aufgeteilt, die sie entweder bewohnen oder niemals betreten würden. Und schliesslich hatte Arthur Dold zugegeben, dass er alle seine Karten in der stillen Stube studiert und sich nie für Geländelehre interessiert hatte. Natürlich wurden Landkarten in erster Linie aus militärischen Gründen angelegt. Wer ein Gelände kannte, konnte es gegen seinen Feind nutzen. Kannte dagegen Arthur Dold einen Karte, kannte er damit keineswegs die Gegend, die sie abbildete. Für ihn waren Karten nie etwas anderes gewesen als Träger seiner Phantasiewelten.

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