Overath Angelika

Angelika Overath wurde am 17. April 1957 in Karlsruhe geboren. Sie studierte an der Eberhard Karls Universität in Tübingen Germanistik, Geschichte, Italianistik und Empirische Kulturwissenschaft. 1986 promovierte sie mit einer Arbeit über das Blau in der modernen Lyrik. Dann arbeitete sie während drei Jahren in Griechenland und kehrte 1991 nach Deutschland zurück. Seit 2007 lebt sie mit ihrem Mann Manfred Koch und ihren drei Kindern in Sent im Unterengadin. Sie ist Dozentin an der Schweizer Journalistenschule MAZ. Seit ihrem Studium schreibt Overath für Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen für die Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit, Das Magazin, Merian oder die Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung. Neben ihren Prosawerken hat sie mehrere Anthologien herausgegeben, oft in Zusammenarbeit mit Manfred Koch. Der Umzug nach Sent hat das Erlernen der rätoromanischen Sprache mit sich gebracht: 2014 ist ihr erstes Buch im unterengadiner Idiom Vallader herausgekommen.

Links
www.srf.ch/kultur/literatur/spannendes-konzept-banaler-plot-angelika-overaths-neuer-roman

Opere:
  • Händler der verlorenen Farben. Wahre Geschichten. Lengwil: Libelle, 1998
  • Vom Sekundenglück brennender Papierchen. Wahre Geschichten. Lengwil: Libelle, 2000
  • Spatzenweisheit. Freiburg i. Br.: Herder, 2001
  • Nahe Tage. Roman einer Nacht. Göttingen: Wallstein, 2005
  • Flughafenfische. Roman. München: Luchterhand, 2009
  • Fermada sün dumonda – In den Bergen bleiben. In: Entwürfe 59. Zürich: Verein Entwürfe für Literatur, 2009
  • Alle Farben des Schnees. Senter Tagebuch. München: Luchterhand, 2010
  • Fliessendes Land. Geschichten vom Schreiben und Reisen. München: Luchterhand, 2012
  • Sie dreht sich um. Roman. München: Luchterhand, 2014
  • Poesias dals prüms pleds: 33 romanische Gedichte und ihre deutschen Annäherungen. Zürich und Ottiglio: Verlag Klaus G. Renner, 2014
  • Gebrauchsanweisung für das Engadin. München, Berlin, Zürich: Piper, 2016
  • Corniglias: Poesias per tai - Alpendohlen: Gedichte für dich. Ill. von Madlaina Janett. Zürich: SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk, 2017
  • Corniglias: Poesias per tai - Chocards: Poèmes pour toi. Zürich: OSL Œuvre Suisse des Lectures pour la Jeunesse, 2017
  • Der Blinde und der Elephant: Essays. München: Luchterhand, 2017

Premi:
  • Egon-Erwin-Kirsch-Preis (1996)
  • Stipendium Literatur der Kunststiftung Baden Württemberg (1999)
  • Arbeits-Stipendium des Förderkreises Deutscher Schriftstellen in Baden-Württemberg (2001
  • Jahres-Stipendium des Deutschen Literaturfonds (2002/2003)
  • Thaddäus-Troll-Preis (2005)
  • Nominiert für den Ingeborg-Bachmann-Preis (2006)
  • Ernst-Willner-Preis (2006)
  • Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds (2006/2007)
  • Writer-in-Residence an der Queen Mary-Universität London (2007/2008)
  • Schweizer Preis für unabhängigen Journalismus (2008)
  • Shortlist für den Schweizer Buchpreis (2009)
  • Sudetendeutscher Kulturpreis für Literatur (2012)
  • Literaturpreis des Kantons Graubünden (2015)

Parte di testo da Sie dreht sich um

Das bin ja ich, dachte sie.
Anna stand vor der Treppe mit dem Priester. Sie kannte Bilder von Segantini, die ihr oft süsslich, ja kitschig vorgekommen waren. Manche auch unheimlich. Sie erinnerte sich vage an eine mit langen Haaren in einem Baum hängende Frau, an deren Brust gierig ein körperloser Kinderkopf saugte. Aber eine Treppe wie diese hatte sie nicht erwartet. Das Gemälde nahm die ganze Wand des kleinen Ausstellungsraumes ein.
Sie stand davor und sah: Dieser Priester war wie sie. Haltlos. Allein. Auf einer gewaltigen alten Treppe. Sie wusste so wenig wie er, wohin sie gehen sollte. Da war keine Sicherheit. Kein Glaube an einen Mann, an eine Ehe, an den Halt einer Familie. Kein Vertrauen in den Beruf. Man bemühte sich, ging weiter; es war anstrengend. Und wo sollte es hin? Diese leere Treppe führte allein in ein diffuses Blau.

Der Priester schien verstümmelt. Was war das für ein Ohr! Ein zusammengedrücktes Organ, das nichts mehr hörte? Und auch das nur angedeutete Gesicht war ganz verzogen. Es hätte auch ein Tierprofil sein können. Der Ansatz der Schnauze eines strengen Hundes. Der Pfarrer war eine ausgesetzte, hässliche Kreatur. Von Gott und der Welt verlassen. Sagte man nicht so? Von Gott und der Welt verlassen.

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