Muschg Adolf

Adolf Muschg wurde am 13.5.1934 als Sohn eines Volksschullehrers in Zollikon (Kanton Zürich) geboren. Nach der Maturität A (mit Latein und Griechisch) studierte er Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich, zwei Semester in Cambridge. Nach dem Doktorat 1959 war Muschg zunächst Lehrer an einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium in Zürich. Von 1970 bis in die frühen Neunziger Jahre war er Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Muschg ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS), und war 1975 Zürcher Ständeratskandidat. Sein politisches Engagement drückt sich auch in der Mitarbeit in der Kommission für die Vorbereitung einer Totalrevision der Schweizerischen Bundesverfassung von 1974 bis 1977 aus. Adolf Muschg wohnt in Männedorf bei Zürich. Muschgs erster Roman "Im Sommer des Hasen" (1965) ist der Bericht eines Werbemanagers über die Japanerlebnisse von sechs Schweizern. Nach zwei brillant geschriebenen Satiren auf Zeittendenzen, Fiktionen und Verblendungen um 1968 ("Gegenzauber", 1967; "Mitgespielt", 1969) stellt Muschg in "Albissers Grund" (1974) am Beispiel der Lebenskrise eines Gymnasiallehrers die Schweiz in den Nachwehen der 68er Bewegung dar. In "Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft" (1980) geht es um die Suche nach dem Schuldigen beziehungsweise nach der Schuld am rätselhaften Tod des Zürcher Agronomieprofessors Stappung während der Reise einer von ihm geleiteten kleinen Gruppe von Schweizern durch die Volksrepublik China. Besonders eindringlich sind die heillosen Liebesgeschichten und ungeheuerlichen Rechtsfälle in Muschgs Erzählungen: "Fremdkörper" (1968), "Liebesgeschichten" (1972), "Entfernte Bekannte" (1976), "Leib und Leben" (1982), "Der Turmhahn und andere Liebesgeschichten" (1987). In seltenen Augenblicken bricht aus diesen Leidensgeschichten die Hoffnung auf ein versöhntes Dasein hervor, um deretwillen sie geschrieben sind. In jüngster Zeit hat Muschg durch den Parzival-Roman "Der Rote Ritter" (1993) und die beiden Japan-Bücher "Nur ausziehen wollte sie sich nicht" (1995) und "Die Insel, die Kolumbus nicht gefunden hat" (1995) auf sich aufmerksam gemacht. 2003 wurde Muschg zum Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin gewählt. Von diesem Amt trat er am 15. Dezember 2005 überraschend zurück. Anfang 2003 hat Adolf Muschg sein Archiv dem Schweizerischen Literaturarchiv in der SLB in Bern anvertraut. Es enthält Notizen, Studien, Arbeitsmaterialien und Manuskripte zu seinen Werken, Korrespondenzen, Ton- und Bildträger sowie persönliche Dokumente wie Tagebücher und Agenden. Für sein Gesamtwerk ist Adolf Muschg 2015 mit dem Grand Prix Literatur ausgezeichnet worden. Muschg lebt in Männedorf bei Zürich. Seit 2014 ist er Ehrenbürger der Gemeinde.

Links
adolfmuschg.com/
www.srf.ch/player/radio/kultur-kompakt/audio/happy-birthday-adolf-muschg?id=4cc6e116-a0b4-4220-af47-997e1477050c
www.zeit.de/online/2008/46/interview-muschg
www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7059&ausgabe=200405
www.srf.ch/kultur/literatur/adolf-muschg-ein-grosser-geist-erhaelt-den-grand-prix-literatur
www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/adolf-muschg-ueber-glaube-und-vernunft-sind-werte-glaubwuerdig-ld.122951

Opere:
  • Im Sommer des Hasen. Zürich: Arche, 1965
  • Gegenzauber. Zürich: Arche, 1967
  • Fremdkörper. Erzählungen. Zürich: Arche, 1968
  • Mitgespielt. Zürich: Arche, 1969
  • Liebesgeschichten. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1972
  • Albissers Grund. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1974
  • Entfernte Bekannte. Erzählungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1976
  • Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1980
  • Leib und Leben. Erzählungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1982
  • Das Licht und der Schlüssel. Erziehungsroman eines Vampirs. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1984
  • Der Turmhahn und andere Liebesgeschichten. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1987
  • Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1993
  • Die Insel, die Kolumbus nicht gefunden hat. Sieben Gesichter Japans. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1995
  • Nur ausziehen wollte sie sich nicht. Ein erster Satz und seine Fortsetzung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1995
  • O mein Heimtland. 150 Versuche mit dem berühmten Schweizer Echo. Frankfurt/M.: Suhrkam, 1998
  • Stadt Europa. Basel: Schwabe & Co., 1999
  • Sutters Glück. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2000
  • Das gefangene Lächeln. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2002
  • Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2003
  • Von einem der auszog, leben zu lernen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2004
  • Eikan, du bist spät. Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2005
  • Kinderhochzeit. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2008
  • Wenn es ein Glück ist. Liebesgeschichten aus vier Jahrhunderten. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2008
  • Wie deutsch ist die Schweiz? Konstanz: Universitätsverlag, 2008
  • Sax. Roman. München: C.H. Beck, 2010
  • Löwenstern. Roman. München: C.H. Beck, 2012
  • Vergessen wir Europa? Eine Gegenrede. Göttingen: Wallstein, 2013
  • Im Erlebensfall. Essays 2003-2013. München: C.H. Beck, 2014
  • Die japanische Tasche. Roman. München: C.H. Beck, 2015
  • Glasperlenspiel und Lebenskunst. Fünf Reden über Hermann Hesse. Books on Demand 2016 (Collection Montagnola)
  • Der weisse Freitag. Eine Erzählung. München: C.H. Beck, 2017

Premi:
  • Literaturpreis von Stadt und Kanton Zürich (1965)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1965)
  • Förderpreis des Landes Niedersachsen (1966)
  • Hamburger Lesepreis (1967)
  • Georg-Westermann-Preis (1967)
  • Georg Mackensen-Literaturpreis (1967)
  • Conrad Ferdinand Meyer-Preis (1968)
  • Hermann Hesse-Preis (1974)
  • Förderaktion für zeitgenössische Autoren des Bertelsmann Verlages (1976/77)
  • Grosser Literaturpreis der Stadt Zürich (1984)
  • Carl Zuckmayer-Medaille (1990)
  • Ricarda Huch-Preis (1993)
  • Georg Büchner-Preis (1994)
  • Vilenica-Literaturpreis Slowenien (1995)
  • Chianti Ruffino-Antico Fattore (1995)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (2001)
  • Grimmelshausen-Preis (2001)
  • Deutscher Verdienstorden (2004)
  • Grand Prix Literatur (2015)

Parte di testo da "Albissers Grund" [S. 7-8]

Als Polizei und Ambulanz am Tatort eintrafen, hatte die Beamten Mühe, den Täter von seinem Opfer zu trennen, Albisser lag über Zerutt und versuchte Mund-zu-Mund-Beatmung. Ob er ihm damit das Leben gerettet hat, weiss man nicht. Die Notfallstation des Kantonsspitals, der Zerutt sofort zugeführt wurde, bestreitet es: Zerutts Wunden wären nur bei grösserem Blutverlust lebensgefährlich gewesen. Albisser machte bei der Verhaftung selbst den Eindruck eines Getroffenen, sein Gesicht war blutverschmiert, seine Stimme tonlos. Er hatte die Beamten aus einem nahen Spezereiladen alarmiert - offenbar waren die Schüsse in dem baufälligen, vorwiegend von fremden Arbeitskräften bewohnten Gebäude ungehört geblieben; er bestritt nicht, der Schütze zu sein, er bestand, ohne Erfolg, darauf, Zerutt in der Ambulanz zu begleiten, um ihm Blut zu spenden. Als er dem Untersuchungsrichter, einem Dr. Egli, vorgeführt wurde, erkannte dieser mit einem Blick, dass sich Albisser in einem Schockzustand befand und verzichtete auf sofortige Vernehmung. Er sollte diese Rücksicht bereuen. Denn als er am nächste Tag wiederkam und Albisser, auf dessen dringende Erkundigung, hatte melden können, Zerutt habe eine ruhige Nacht verbracht, seine Besserung sei nur eine Frage der Zeit, lehnte sich Albisser mit einem heftigen Atemzug zurück und erklärte zu Händen des Protokolls, dass er gestern in einer augenblicklichen Verwirrung, aber ohne jede Provokation auf Zerutt geschossen habe, dass er sich schuldig bekenne und bereit sei, ein entsprechendes Geständnis zu unterschreiben, dass er aber ferner zu diesem Vorfall nichts mehr zu sagen habe, gleichgültig, wie lange man ihn im Gefängnis festhalte. Auf Vorhalt Dr. Eglis, dass er mit einem solchen Boykott nicht nur sich, sondern auch Zerutt schaden könne, erwiderte er: die ausschliessliche Deutung dessen, was geschehen sei, überlasse er hiermit Zerutt; was dieser davon halte, sei auch er, Albisser, bereit, als die Wahrheit anzuerkennen. Seine eigene Meinung scheide hiermit aus diesem Fall aus, er betrachte sich durch seine Tat als überholt.

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