Meier Gerhard

Gerhard Meier wurde am 20.6.1917 in Niederbipp (Kanton Bern) geboren, wo er bis zu seinem Tod (22.6.2008) lebte. Im Anschluss an die Schulzeit begann er ein Hochbaustudium in Burgdorf, das er jedoch frühzeitig abbrechen musste. Nach der Heirat nahm er eine Arbeit als technischer Leiter und Designer in der Lampenfabrik von Niederbipp an, eine Stelle, die er während 33 Jahren innehatte. Nach einer intensiven Beschäftigung mit Literatur während der Jugendzeit verzichtete Gerhard Meier ab dem 20. Lebensjahr auf jegliche literarische Betätigung. Eine Krankheit und ein Sanatoriumsaufenthalt hatten dann Jahre später eine erneute Annäherung an die Literatur zur Folge: erst in seinem 54. Lebensjahr entschloss er sich dazu, seine Arbeit aufzugeben, um sich vollständig dem Schreiben zu widmen. Die kleine Welt des Dorfes, aus dem der Dichter erst in späten Jahren ein paar Reisen unternahm, ist der Schauplatz seiner Gedichte, Prosaskizzen und Romane. Amrain heisst das Dorf da. Landschaft, Häuser, Bäume und Blumen gibt es darin. Einfache Menschen, die in der Erinnerung fortleben, aber auch berühmte Romanfiguren etwa aus Tolstojs grossem Kriegsroman oder von Proust. Kurz nacheinander erschienen die drei Teile der Trilogie "Baur und Bindschädler": "Toteninsel" (1979), "Borodino" (1982) und "Die Ballade vom Schneien" (1985), Meiers Hauptwerk und die Krönung seiner einzigartigen Prosakunst. Zwei alte Freunde gehen durch Olten, durch Amrain, treffen sich zu ihrem letzten Gespräch im Spital, wo Baur stirbt. Und wenn vom Tiefsten die Rede ist, geschieht es zurückhaltend, in indirekter Rede, indem Bindschädler weitergibt, was Baur gesagt hat. Daraus entsteht poetische Wiklichkeit, das Bleibende im Vergänglichen. 1995 erschien "Das dunkle Fest des Lebens", das Gespräche mit dem Zürcher Germanisten Werner Morlang enthält, die dieser mit Gerhard Meier über "die Kunst und das Leben und die Erinnerung und was alle drei mit einem und miteinander anstellen" (Christine Lötscher, Tagesanzeiger 23.6.2008) führte.

Links
www.zeit.de/2007/26/KA-Geburtstag-Meier
www.youtube.com/watch?v=iaruRLG5vYo
www.faz.net/aktuell/feuilleton/nachruf-auf-gerhard-meier-die-welt-in-niederbipp-1544349.html


Opere:
  • Das Gras grünt. Gedichte. Bern: Benteli, 1964
  • Im Schatten der Sonnenblumen. Gedichte. Bern: Kandelaber, 1967
  • Kübelpalmen träumen von Oasen. 60 Prosaskizzen. Bern: Kandelaber, 1969
  • Es regnet in meinem Dorf. Gedichte. Olten: Walter, 1971
  • Einige Häuser nebenan. Ausgewählte Gedichte (aus "Das Gras grünt" und "Im Schatten der Sonnenblumen"). Gümligen: Zytglogge, 1973
  • Der andere Tag. Ein Prosastück. Gümligen: Zytglogge, 1974
  • Papierrosen. Gesammelte Prosaskizzen (aus "Kübelpalmen träumen von Oasen" und "Es regnet in meinem Dorf"). Gümligen: Zytglogge, 1976
  • Der Besuch. Gümligen: Zytglogge, 1976
  • Der schnurgerade Kanal. Gümligen: Zytglogge, 1977
  • Toteninsel. Gümligen: Zytglogge, 1979
  • Borodino. Gümligen: Zytglogge, 1982
  • Die Ballade vom Schneien. Bern: Zytglogge, 1985
  • Werkausgabe in drei Bänden. Bern: Zytglogge, 1987
  • Bd. 1: Einige Häuser nebenan, Papierrosen, Der andere Tag.
  • Bd. 2: Der Besuch, Der schnurgerade Kanal.
  • Bd. 3: Baur und Bindschädler. 1. Teil: Toteninsel; 2. Teil: Borodino; 3. Teil: Die Ballade vom Schneien.
  • Signale und Windstösse. Gedichte und Prosa. Auswahl und Nachwort von Heinz F. Schafroth. Stuttgart: Reclam, 1987
  • Land der Winde. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1990
  • Das dunkle Fest des Lebens. Amrainer Gespräche. Köln / Basel: Bruckner & Thünker, 1995
  • Ob die Granatbäume blühen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2005

Premi:
  • Literaturpreis des Kantons Bern (1964 / 1968 / 1971 /1975)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1970 / 1976)
  • Grosser Literaturpreis der Stadt Bern (1978)
  • Peter Handke reicht die Hälfte des Kafka-Preises an Gerhard Meier weiter (1979)
  • Grosser Literaturpreis des Kantons Bern (1981)
  • Petrarca-Preis (1983)
  • Fontane-Preis (1991)
  • Hermann Hesse-Preis (1991)
  • Kunstpreis Berlin (1991)
  • Solothurner Kunstpreis (1992)
  • Gottfried-Keller-Preis (1994)
  • Heinrich Böll-Preis der Stadt Köln (1999)

Parte di testo da Die Ballade vom Schneien [S. 59-61]

Alles sei Stille, hat Baur in Olten gesagt, alles; nachdem er zuvor behauptet hatte, eigentlich sei alles Bewegung; er glaube, Poesie, das sei nichts, Bewegung sei alles: die Grosse Newa fliesse dahin, seit eh und je, die Moskwa, die Aare und so weiter; in den Leibern fliesse Blut, im Meer der Golf-, im Gehirn der Gedankenstrom, während Gedärme sich wänden, die Erde sich drehe. Alles sei also Stille. Die Poesie sei es nicht, und die Bewegung sei es nicht: die Stille sei's! Jene, die sich in Beinhäusern vorfinde, zwischen aufgeschichteten Oberschenkelknochen der Greise und jenen der Mädchen, zwischen Beckenknochen der Knaben und Backenknochen der Greisinnen. Und wenn einmal die Blumen, Gebeine, Flüsse nicht mehr seien, das heisse die Aare nicht mehr fliesse, der Rhein, die Grosse Newa, die Moskwa, dann werde alles Stille sein.
Mich fröstelte, obwohl ich den Mantel anhatte, wobei ich mir jetzt selber als der Mann vor Böcklins Toteninsel vorkam, der Baur veranlasst hatte, auf Grunewalds Kreuzigung auszuweichen, wo ihm jeweils das phosphoreszierende Grün, der sommersprossige Leib des Gekreuzigten, die makellose Rüstung des Soldaten aufgefallen seien. Aber auch van Goghs Klavierspielerin und sein Selbstbildnis haben ihn beeindruckt und vor allem Hodlers Bild vom Aeschisee, der ja bloss zwei, drei Kilometer vom Inkwilersee entfernt und ebenfalls erstaunlich unberührt sei. Auf der Terrasse des Restaurants könne man im Sommer bei einer Coupe Dänemark die Sonne hinter den Wäldern westlich des Sees untergehen sehen, durch das Geäst einer Esche, wobei einem die Schokolade für gewöhnlich erkalte.
Katharina und er seien oftmals, etwa mit Besuchern, die per Auto angerückt seien, an den Aeschisee gefahren, wo übrigens der Bruder einer Schulkameradin ertrunken sei, beim Baden vom Boot aus. Der Leichnam sei nie mehr zu Vorschein gekommen. Man habe gemunkelt, der See fliesse unterirdisch ab.
Der Ambulanzwagen kam dahergefahren, mit Blaulicht, passierte die Brücke über den Bach und verschwand Richtung Eingang. Man hörte Autotüren zuschlagen, Leute reden. Abrupt brachen diese Geräusche ab.

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