Mehr Mariella

Mariella Mehr wurde am 27.12.1947 in Zürich als Angehörige des fahrenden Volkes geboren. Kurz nach der Geburt wurde sie der Mutter weggenommen. So begann ihre Anstaltskarriere: 16 Kinderheime, 3 Erziehungsanstalten, 4 psychiatrische Anstalten sowie 19 Monate Frauengefängnis Hindelbank. Seit 1974 ist sie publizistisch tätig und setzte sich in Zeitungsreportagen und Radiobeiträgen für Aussenseiter ein. Sie schrieb unter anderen für das Tagesanzeiger Magazin, die WoZ und die Berner Zeitung. Heute lebt und arbeitet Mariella Mehr in der Toscana (Italien). Zu schreiben begann Mehr mit dreissig Jahren, weil sie wissen wollte, ob das Grauenhafte, das sie erlebt, überhaupt in eine Sprache zu fassen sei, die lesbar ist. In ihrem ersten Buch "Steinzeit" (1981), welches auch ins Finnische, Französische und italienische übersetzt wurde, schildert sie es knapp, eindringlich, poetisch verdichtet. Verletzte Gefühle, Schmerz und Wut prallen auf den Lesenden ein. Sanfter und lyrischer ist ihr Bericht "Das Licht der Frau" (1984), in dem sie dem Mythos und der Realität der Stierkämpferinnen in Spanien nachspürt. Ende Februar 2002 erscheint der dritte Band der Trilogie mit "Daskind" und "Brandzauber". Mehrs neuestes Werk trägt den Titel "Angeklagt".

Links
www.mariellamehr.com
www.srf.ch/kultur/literatur/mariella-mehr-gibt-misshandelten-frauen-eine-stimme
www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Eine-starke-Stimme-meldet-sich-zurueck/story/18689867

Opere:
  • Steinzeit. Gümligen / Bern: Zytglogge, 1981
  • In diesen Traum schlendert ein roter Findling. Gedichte. Gümligen / Bern: Zytglogge, 1983
  • Das Licht der Frau. Bericht über Spanien und die Stierkämpferinnen. Gümligen / Bern: Zytglogge, 1984
  • Kinder der Landstrasse. Ein Hilfswerk, ein Theater und die Folgen. Gümligen / Bern: Zytglogge, 1987
  • RückBlitze. Sammlung von Texten aus den Jahren 1976 - 1990. Gümligen / Bern: Zytglogge, 1990
  • Zeus oder Der Zwillingston. Hrsg. von Ruth Mayer. Zürich: Edition R und F, 1994
  • Daskind. Zürich: Nagel & Kimche, 1995
  • Brandzauber. Zürich: Nagel & Kimche, 1998
  • Nachrichten aus dem Exil. Gedichte, zweisprachig (deutsch und romanès). Klagenfurt: Drava, 1998
  • Widerwelten. Gedichte, teilweise zweisprachig. Klagenfurt: Drava, 2001
  • Angeklagt. Zürich: Nagel & Kimche, 2002

Premi:
  • Literaturpreis des Kantons Zürich (1981)
  • Förderungspreis des Kantons Bern (1982)
  • Literaturpreis der Stadt Bern (1983)
  • Dr. Ida Somazzi-Preis (1987)
  • Literaturpreis der Stadt Bern (1987)
  • Anerkennungspreis des Kantons Graubünden (1992)
  • Luzerner Literatur Werkbeitrag (1995)
  • Anerkennungspreis der Stadt Zürich (1995)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1996)
  • Ehrenmedaille der Gemeinde Tomils GR (1996)
  • Ehrendoktorwürde der Universität Basel (1998)
  • Werkjahr der Pro Helvetia (1999)
  • Buchpreis des Kantons Bern (2002)
  • Pro Litteris-Preis (2012)
  • Bündner Literaturpreis (2016)
  • Diverse Werkbeiträge von Pro Helvetia, Migros Genossenschaftsbund u.a.

Parte di testo da "Daskind" [S. 5]

Hat keinen Namen, Daskind. Wird Daskind genannt. Oder Kleinerbub, obwohl es ein Mädchen ist. Wenn den Frauen im Dorf danach zumute ist, wird es Kleinerbub genannt, oder Kleinerfratz, zärtlich. Auch Frecherfratz, wenn Daskind Bedürfnisse hat, oder Saumädchen, Hürchen, Dreckigerbalg. Hat keinen Namen, Daskind. Darf nicht heissen. Darf niemals heissen, denn dann könnte keine der Frauen im Dorf, der danach zumute ist, Daskind Kleinerbub nennen oder Frecherfratz, zärtlich, gierig. Oder Saumädchen, Hürchen oder Dreckigerbalg, wenn Daskind Bedürfnisse hat. Wer sagt schon Saumarie, Hurenvreni, Dreckrosi. Gewiss könnte man das sagen, aber es ist zu aufwendig, zu umständlich, sich des Namens des Kindes zu erinnern.

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