Keller Ruth

Ruth Keller wurde am 29.9. 1925 in Zürich-Oerlikon geboren. Nach der obligatorischen Schulzeit besuchte sie die Gewerbe- und Kunstgewerbeschule und absolvierte einen Lehrabschluss in Handarbeiten in Zürich. Sie bildete sich im sozialen Bereich weiter und war unter anderem als Gesprächsgruppenleiterin tätig. In den vierziger und fünfziger Jahren arbeitete Keller in einem Handarbeitsgeschäft und als Directrice in Luzern. In den folgenden Jahren leitete sie Ehevorbereitungs- und Erziehungskurse. Ruth Keller starb am 13. September 1997. Die Autorin schreibt über die Liebe und Einsamkeit älterer Menschen. Ihre Texte leben von der reichen Lebenserfahrung und dem grossen Einfühlungsvermögen, welches sie einzubringen vermag.

Opere:
  • Sunechrättli. E Hampfle Veersli für d`Mueter und iri Chind. Luzern: Rex, 1959
  • Warum denkt ihr nicht an mich? Vom Schicksal einer Scheidungswaise. Luzern: Rex, 1960
  • Es lohnt sich nicht. Eine Frau zwischen Ehe und Beruf. Luzern: Schweizer Volks-Buchgemeinde, 1964
  • Mutter, wer ist mein Vater? Briefe einer Mutter an ihre aussereheliche Tochter. Luzern: Rex, 1967
  • Wenn das Herz leer bleibt. Luzern: Rex, 1973
  • Mer wünsched Glück. Es Chrättli voll Versli zum Ufsäge oder Schrybe, für chly und gross, für jung und alt, für alli, wo em Mitmänsch es liebs Zeiche vom Mitfreue oder Mitfühle wänd geh. Luzern: Rex, 1975
  • Zum Beispiel Iso. Kinder bedürfen der Ermutigung. Praktische Lebenshilfe für Eltern und Erzieher: Luzern: Rex, 1976
  • Die mir geschenkten Jahre. Roman eines Frauenschicksals. Luzern: Rex, 1977
  • Sabine lässt grüssen. Luzern: Rex, 1980
  • Nur nachts sieht man die Sterne. Gedichte an den Mitmenschen. Luzern: Rex, 1982
  • Und trotzdem sticke ich Blumen. Luzern: Rex, 1984
  • Uns anvertraut. Eltern erleben ihr Kind. Limburg: Lahn, 1989
  • Vergiss nicht, dass du Flügel hast. Luzern: Rex, 1989
  • Alles Warten der Welt. Weihnachtsgedichte. Luzern: Rex, 1991

Parte di testo da "Vergiss nicht, dass du Flügel hast" [S. 11-12]

Als ich im „Sonnenhof“ aus dem Lift trat, sah ich Herbert in der Halle sitzen und die Zeitung lesen. Er blickte auf, erhob sich, kam auf mich zu, streckte mir die Hand entgegen und sagte, sich charmant verneigend:
„Grüss Gott, Prinzessin! Ich bin des Königs Kutscher.“
In diesem Augenblick geschah mit mir das Unerwartete: Herbert hatte mich mit diesen Worten auf einen Schlag zurückgewonnen, mich zurückgeführt in unsere Jugendfreundschaft, wo wir beide uns oft in Sprache und Bildern der Märchen verständigt hatten. Meistens dann, wenn wir verlegen waren oder auch, um unsere Gedanken und Gefühle uns mitzuteilen.
Damit hatte ich begonnen.
Mein Onkel hatte mir, kaum konnte ich lesen, zu Weihnachten ein Märchenbuch geschenkt, mein erstes Buch, das mir, je älter ich wurde, um so mehr bedeutet hatte. Als kleines Schulmädchen hatte ich darin die Geschichten gelesen, später, mit zunehmender Reife, auch den Lebensbezug der Märchen begriffen.
Eines Tages hatte ich Herbert in meine Lieblingslektüre eingeweiht. Zuerst zeigte er sich belustigt. Allmählich aber war dann unser eigenes Märchen-Sprachspiel entstanden.

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