Frisch Max

Max Frisch wurde am 15.5.1911 in Zürich geboren. Er studierte Germanistik an der Universität Zürich und Architektur an der ETH. 1941 richtete er ein Architekturbüro in Zürich ein, welches er 1955 auflöste. Seither war Frisch freier Schriftsteller. Er lebte in den sechziger Jahren in Rom, später in Berlin, New York und Berzona (Kanton Tessin). Max Frisch starb am 4.4.1991 in Zürich. Krieg, Faschismus, sowie 650 Tage Aktivdienst in der wohl schweizerischsten Institution konfrontierten Frisch unausweichlich mit bisher nicht wahrgenommenen politischen, gesellschaftlichen und das eigene Leben betreffenden Realitäten. Aus dem militärischen Auftrag, ein Truppentagebuch zu führen, resultierten die "Blätter aus dem Brotsack" (1940). Hatte er schon "Graf Öderland" (1951) zum Missfallen des Zürcher Premierenpublikums auf brachiale Weise aus der bürgerlichen Ordnung ausbrechen lassen, so rechnete er im "Stiller" (1954) scharf und polemisch mit der Enge und Perspektivelosigkeit der schweizerischen Nachkriegsgesellschaft ab. Der vielschichtige Ehe-, Künstler- und Gesellschaftsroman setzte eine eigentliche Klimaveränderung in der geistigen Landschaft der Schweiz in Gang. Frischs Thema blieb die Schweiz. Aber immer wieder schuf er Abstand, gewann er Welt, sei das geografisch (Reisen, verschiedene Wohnsitze) oder künstlerisch in Werken wie "Homo Faber" (1957), "Andorra" (1961), "Mein Name sei Gantenbein" (1964) oder "Montauk" (1975). Exemplarisch für sein zunehmendes politisches Engagement steht die Stellungnahme zur Frage der Fremdarbeiter in der Schweiz: "Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen" (1965). An diesem Satz kommt kein Politiker mehr vorbei. Entdeckung der Wirklichkeit, der individuellen und gesellschaftlichen Realitäten über die Literatur: dies gilt im besonderen für Frischs Tagebuch 1966-1971 (1972), in dem er im Kontext der registrierten und reflektierten Weltereignisse die drei mächtigsten gesellschaftlichen Tabus unserer Zeit ins Blickfeld rückt: Altern, Sterben und Tod. Sowohl "Triptychon" (1978) wie auch "Der Mensch erscheint im Holozän" (1979) legen Zeugnis ab von einer zunehmenden Bedrängung durch diese Themen und von Frischs Versuch, schreibend die Verunsicherung zu bannen.

Links
www.mfa.ethz.ch
www.art-tv.ch/1589-0-literatur--film--max-frisch.html

Opere:
  • Blätter aus dem Brotsack. Tagebuch eines Kanoniers. Zürich: Atlantis, 1940
  • Tagebuch 1946-1949. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1950
  • Graf Öderland. Ein Spiel in zehn Bildern. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1951
  • Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie. Komödie in fünf Akten. Frankfurt/M., 1953.
  • Stiller. Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1954
  • Homo faber. Ein Bericht. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1957 [Website zum Werk siehe unten]
  • Biedermann und die Brandstifter. Ein Lehrstück ohne Lehre. (Mit einem Nachspiel). Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1958
  • Andorra. Stück in zwölf Bildern. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1961
  • Mein Name sei Gantenbein. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1964
  • Tagebuch 1966-1971. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1972
  • Montauk. Eine Erzählung. Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1975
  • Triptychon. Drei szenische Bilder. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1978
  • Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1979
  • Schweiz ohne Armee? Ein Palaver. Zürich: Limmat, 1989
  • Briefwechsel (mit Friedrich Dürrenmatt). Hrsg. und mit einem Nachwort von Peter Rüedi. Zürich: Diogenes, 1998
  • Ein Briefwechsel (mit Uwe Johnson). Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
  • Im übrigen bin ich immer völlig allein. Briefwechsel mit der Mutter 1933. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2000
  • Antwort aus der Stille. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2009
  • Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2010

Premi:
  • Conrad Ferdinand Meyer-Preis der Stadt Zürich (1939)
  • Buchpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (1940)
  • Dramenpreis der Emil Welti-Stiftung (1945)
  • Rockefeller Grant for Drama (1951)
  • Wilhelm Raabe-Preis der Stadt Braunschweig (1954)
  • Schiller-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1955)
  • Charles-Veillon-Preis für den deutschsprachigen Roman (1957)
  • Georg Büchner-Preis (1958)
  • Literaturpreis der Stadt Zürich (1958)
  • Preis der jungen Generation (1962)
  • Grosser Kunstpreis der Stadt Düsseldorf (1962)
  • Literaturpreis der Stadt Jerusalem (1965)
  • Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1976)
  • Commonwealth Award for Distinguished Service in Literature, Modern Language Association (1985)
  • Commandeur dans l'ordre des arts et des lettres (1985)
  • Heinrich Heine-Preis der Stadt Düsseldorf (1989)
  • Grillparzer-Preis (1990)

Parte di testo da "Stiller" [S. 9 - 10]

Ich bin nicht Stiller! - Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere. Denn ohne Whisky, ich hab's ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat, und da es jetzt in meiner unsinnigen Lage (sie halten mich für einen verschollenen Bürger ihres Städtchens!) einzig und allein darum geht, mich nicht beschwatzen zu lassen und auf der Hut zu sein gegenüber allen ihren freundlichen Versuchen, mich in eine fremde Haut zu stecken, unbestechlich zu sein bis zur Grobheit, ich sage: da es jetzt einzig und allein darum geht, niemand anders zu sein als der Mensch, der ich in Wahrheit leider bin, so werde ich nicht aufhören, nach Whisky zu schreien, sooft sich jemand meiner Zelle nähert. Übrigens habe ich bereits vor Tagen melden lassen, es brauche nicht die allererste Marke zu sein, immerhin ein trinkbare, ansonst ich eben nüchtern bleibe, und dann können sie mich verhören, wie sie wollen, es wird nichts dabei herauskommen, zumindest nichts Wahres. Vergeblich! Heute bringen sie mir dieses Heft voll leerer Blätter: Ich soll mein Leben niederschreiben! wohl um zu beweisen, dass ich eines habe, ein anderes als das Leben ihres verschollenen Herrn Stiller. "Sie schreiben einfach die Wahrheit", sagt mein amtlicher Verteidiger, "nichts als die schlichte Wahrheit. Tinte können Sie jederzeit nachfüllen lassen!

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