Fricker Ursula

Am 13. November 1965 wurde Ursula Fricker in Schaffhausen geboren. Von 1987 bis 1991 studierte sie in Bern Sozialarbeit, anschliessend hatte sie bis 1992 ein Engagement als Schauspielerin am Theater 1230 in Bern. Nach dem Umzug nach Berlin 1993 baute sie in Berlin Hohenschönhausen eine Kindertheatergruppe auf. Parallel dazu war sie bis 2009 als Teilzeitnachtwächterin in einem Wohnheim für geistig behinderte Erwachsene tätig. Als freie Journalistin verfasste sie sporadisch Reportagen für Zeitungen (u.a. Süddeutsche Zeitung, Der Freitag). Literarische Texte erschienen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Bereits 1999 wurde sie zur Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt eingeladen. 2004 erschien ihr erster Roman „Fliehende Wasser“, dem in den nächsten Jahren weitere folgen sollten. Heute lebt und arbeitet Ursula Fricker in der Nähe von Berlin. (Foto: Ekko von Schwichow)

Links
www.srf.ch/player/radio/wortort/audio/bastian-erinnere-dich?id=b9267dd1-b481-42fa-9df3-51b00f0bab5d
www.ch-go.ch/repository/proxy/oi-files/41238/documents/ch-reihe/Dossiers/Dossier_fricker.pdf

Opere:
  • Fliehende Wasser. Roman. Zürich: Pendo, 2004
  • Das letzte Bild. Roman. Zürich: Rotpunktverlag, 2009
  • Ausser sich. Roman. Zürich: Rotpunktverlag, 2012
  • Lügen von gestern und heute. Roman. München: dtv, 2016

Premi:
  • Alfred-Döblin-Stipendium (1997)
  • Werkbeitrag Stadt und Kanton Schaffhausen (2003)
  • Einzelwerkpreis Schweizerische Schillerstiftung (2004)
  • Werkjahr Stadt Zürich (2004)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (2006)
  • Stipendium Käthe-Dorsch-und-Agnes-Straub-Stiftung Berlin (2009)
  • Schweizer Literaturperle (2009)
  • Förderbeitrag Stadt und Kanton Schaffhausen (2010)
  • Projektbeitrag UBS Kulturstiftung (2010)
  • Nomination Schweizer Buchpreis (2012)

Parte di testo da „Das letzte Bild“ [S. 10]

Hinaustretend empfängt ihn eine tief verschneite Welt; die Lichtung im Wald, mittendrin sein Haus. Eine Bühne. Spiel für die verschwiegenen Bewohner des Waldes. Linker Hand die Scheune, etwas zurückversetzt der Erdbunker aus Sowjetzeiten, überwachsen von einer zotteligen Frisur aus Schilfgras und jungen Birken, weiss bemützt. Im Bunker lagert Floyd das Brennholz, sauber, meterhoch gestapelt. Hinter dem Haus die Feldsteinmauer. Dann öffnet sich eine zerklüftete Senke, durchsetzt von Felsbrocken und Geschiebemergel aus irgendeiner Eiszeit. Mischwald bestanden. Alles umzäunt mit original russischem Stacheldraht und gehalten von übermannshohen Betonpfeilern. Jenseits des Zauns liegt ein Feld und dahinter beginnt der Wald. Gegen Nordosten dreissig Kilometer Wald bis zur nächsten kleinen Stadt, in die andere Richtung ein paar Kilometer über eine schlechte Strasse bis zum Dorf. Schnee stöbert in alle Ecken. Er zweifelt daran, dass Flugzeuge bei diesem Wetter überhaupt landen können. Bevor er losfährt, hört er im Haus die Hunde bellen.
Die Maschine ist nicht pünktlich. Zur angekündigten Landezeit ist sie in London noch nicht einmal gestartet, und Floyd fragt sich, wozu er überhaupt ein Mobiltelefon hat, wenn er es dauernd zu Hause vergisst. Er betritt einen Kiosk, überfliegt die Schlagzeilen der Zeitungen, merkt sich nicht, was er gelesen hat, kauft eine Packung Kaugummi, obwohl er nie Kaugummi kaut. Er fühlt sich, als könne er jederzeit ein Flugzeug besteigen und wer weiss wohin fliegen. Auch wenn da nichts ist, das er hinter sich lassen will. Zu Hause warten die Hunde.

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