Zschokke Matthias

Matthias Zschokke wurde am 29.10.1954 in Bern geboren. Er wuchs in Ins (Kanton Bern) auf. Nach der Matura besuchte er die Schauspielakademie in Zürich und war anschliessend drei Jahre lang Schauspieler in Stuttgart und Bochum. Er lebt seit 1980 als Schriftsteller, Theaterautor und Filmregisseur in Berlin. Berlin, die Grossstadt, diese unüberschaubare Welt der zusammenhangslosen Ereignisse, fordert Zschokkes Figuren zu immer neuen Lebens- und Überlebensstrategien heraus. Die Hauptfigur in Zschokkes gleichnamigem Roman "Max" (1982) zieht von einem Schweizer Bauerndorf in eine deutsche Grossstadt. Er flieht vor den Zumutungen der Gesellschaft helvetischer Ausprägung. In Deutschland möchte er Schauspieler werden. Das Theater jedoch stellt sich ihm als Abbild der Verhältnisse dar, denen er zu entkommen versuchte. Max' Karriere scheitert. Spazierend und räsonierend zieht er durch die Stadt. Er ist ein Tagedieb, der überall aneckt und sich nirgends einfügt. Einige schlecht ausgehende Liebeleien tragen das Ihrige zu seinem Scheitern bei. Je schlechter es ihm aber geht, desto radikaler und witziger werden seine Einfälle, desto unerbittlicher und scharfzüngiger seine Ausfälle gegen die Gesellschaft und ihre Institutionen, gegen das Leben und seine Lügen. Wo Max sich einfach den Konventionen des Lebens verweigert, da versucht "Prinz Hans" (1984) dann, der Welt einen Standpunkt entgegenzuhalten. Und "ErSieEs" (1986) schliesslich wehrt sich in wechselnden Rollen dagegen, von den Ereignissen der Massen- und Konsumgesellschaft überrollt zu werden. In "Piraten" (1991) wird das Dilemma in dem sich die Figuren Zschokkes befinden besonders deutlich: es ist der Gegensatz von Traum und Realität und das Scheitern daran.

Liens
www.woz.ch/artikel/2006/nr08/kultur/13010.html
www.swissinfo.ch/ger/kultur/Zschokke_gewinnt_franzoesischen_Literaturpreis.html?cid=1305444
www.youtube.com/watch?v=bbi_9Id1vnU
www.srf.ch/news/regional/bern-freiburg-wallis/matthias-zschokke-der-preis-zeugt-von-toleranz-und-offenheit
ead.nb.admin.ch/html/zschokke.html

Bibliographie :
  • Max. München: List, 1982
  • Elefanten können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind - oder wollen sie nicht? Bühnenmanuskript. Berlin: Kiepenheuer, 1983 (Uraufführung: Theater zum westlichen Stadthirschen Berlin 1983)
  • Prinz Hans. München: List, 1984
  • ErSieEs. München: List, 1986
  • Brut. Schauspiel mit Musik. Berlin: G. Kiepenheuer, 1986 (Uraufführung: Bonner Werkstattbühne 1988)
  • Piraten. Frankfurt/M.: Luchterhand, 1991
  • Die Alphabeten. Theaterstück. Uraufführung: Berner Stadttheater 1994
  • Der dicke Dichter. Köln/Basel: Bruckner & Thünker, 1995
  • Der reiche Freund. Komödie in fünf Akten. Uraufführung: Niedersächsisches Staatstheater Hannover 1995
  • Das lose Glück. Zürich: Ammann, 1999
  • Ein neuer Nachbar. Zürich: Ammann, 2002
  • Maurice mit Huhn. Zürich: Ammann, 2006
  • Auf Reisen. Zürich: Ammann, 2008
  • Lieber Niels. Göttingen: Wallstein, 2011
  • Der Mann mit den zwei Augen. Roman. Göttingen: Wallstein-Verlag, 2012
  • Die strengen Frauen von Rosa Salva. Mailroman. Göttingen: Wallstein, 2014
  • Ein Sommer mit Proust. Göttingen: Wallstein, 2017

Distinctions :
  • Robert Walser-Preis der Stadt Biel und des Kantons Bern (1981)
  • Werkjahr des Deutschen Literaturfonds (1983)
  • Preis der deutschen Filmkritik für "Edvige Scimitt" (1986)
  • Buchpreise des Kantons Bern (1985 / 1991)
  • Zeitschrift "Theater heute": Wahl zum besten Nachwuchsautor des Jahres (1989)
  • Berner Filmpreis (1989)
  • Förderpreis des Hans Erich Nossack-Preises (1991)
  • Gerhart Hauptmann-Preis (1992)
  • Welti-Preis für das Drama der Stadt Bern (1994)
  • STÜCKE-Förderpreis des Goethe-Instituts (1995)
  • Aargauer Literaturpreis (1996)
  • Grosser Literaturpreis der Stadt Bern (2000)
  • Buchpreis des Kantons Bern (2002)
  • Werkpreis der Schweiz. Schillerstiftung (2002)
  • Solothurner Literaturpreis (2006)
  • Buchpreis des Kantons Bern (2006)
  • Prix Femina Étranger (2009)
  • Eidgenössischer Literaturpreis (2012)
  • Grosser Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern (2014)

Extrait de "Piraten" [S. 8-10]

Als erstes fällt der Blick auf einen zitternden Mann mit einem dunkelgrünen Gesicht, der zähneklappernd in einem Käfig sitzt. Sein Name ist Julio Sloop. Das Auge beobachtet ihn wie ein seltsames, fremdartiges, unbekanntes Reptil im Zoo - langsam, musternd. Zu hören: Das Kratzen einer Feder auf Papier, sonst nichts. Als zweites fällt der Blick auf ein verwesendes Tier, das halb verkrustet, aufgebläht im Sumpf liegt, von Fliegen übersät. Wieder das gleiche faszinierte Auge eines aussenstehenden Beobachters. Zu hören: Das Kratzen einer Feder auf Papier, sonst nichts. Als drittes fällt der Blick auf einen Kochtopf über dem Feuer. Dicker, klebriger Brei quillt über den Rand. Zu hören: Das Kratzen einer Feder auf Papier, sonst nichts. Als viertes fällt der Blick auf einen sonnengebräunten, nackten Frauenfuss, der halb im Sumpf eingesunken ist, Das Blut pulst. Zu hören: Das Kratzen einer Feder auf Papier, sonst nichts. Als fünftes fällt der Blick auf drei Gestalten, die heftig miteinander diskutieren. Im Hintergrund steht eine vierte, offensichtlich ein Lauscher. Zu hören: Das Kratzen einer Feder auf Papier, sonst nichts. Als sechstes fällt der Blick auf eine Frau, die an einem wackligen, halbeingesunkenen Tisch im Sumpf sitzt und eben im Schreiben innehält - eine eigenartige Erscheinung, eine Mischung aus herrischer Klugheit und Ironie, voll verbummelter Liebe: Die Frau, die zum Fuss gehört, Tristana Nunez. Sie horcht. Zu hören: Stille.
Darauf folgen markante Reden und Antworten, die Augen schweifen ab, spazieren in die Sonne, betrachten den Teer, der zäh aus den Fugen am Schiffsbauch rinnt, mustern verstaubte Navigationsinstrumente, unbrauchbare Taue - während weitere Dialoge zu vernehmen sind, anspruchsvolle, die jeden Abiturienten umtreiben könnten - doch sie sollen hier nicht nachgebetet werden.

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