Ullmann Regina

Regina Ullmann wurde am 14.12.1884 als Tochter eines jüdischen Fabrikanten in St. Gallen geboren. Sie verlor schon früh ihren Vater und war ein schwerfälliges Kind mit Sprach- und Schreibhemmungen. Nach Abschluss der Schuljahre zog sie mit ihrer Mutter nach München. Dort fand Ullmann Zugang zu Künstler- und Intellektuellenkreisen, wo sie für ihre Dichtkunst bewundert wurde. Ab 1908 führte sie einen Briefwechsel mit Rilke, der später zu ihrem Mentor und Förderer wurde. Inzwischen hatte sich die junge Schweizerin in den Anarchisten und Psychoanalytiker Otto Gross verliebt und erwartete ein Kind von ihm, welches dieser aber nie anerkennen sollte. Bereits 1906 hatte Ullmann eine uneheliche Tochter geboren, die sie ,wie ihr zweites Kind auch, bei fremden Leuten aufwachsen lassen musste. Dennoch war München für Ullmann der Ort des Durchbruchs und des Wandels: Neben der Konversion zum Katholizismus, der ihr Leben fortan prägte, wurde vor allem ihrem dichterischen Talent Anerkennung zuteil und Ullmann als eigenwillige, christlich orientierte Erzählerin bekannt. Dies äusserte sich nicht zuletzt darin, dass Schweizer Mäzene mit einer lebenslangen Rente der nie finanziell gut gestellten Ullmann das Schreiben ermöglichten. 1933 musste Ullmann Deutschland verlassen und kehrte über Österreich und Italien 1938 nach St. Gallen zurück. Dort lebte sie bis kurz vor ihrem Tod in einem katholischen Pflegeheim. Ihre letzten Lebensmonate verbrachte Ullmann unter der Obhut ihrer Tochter. Sie starb am 6. Januar 1961 im bayrischen Ebersberg. Als Schriftstellerin ist Regina Ullmann in Vergessenheit geraten und harrt immer noch ihrer Wiederentdeckung.

Liens
www.linsmayer.ch/autoren/U/UllmannRegina.html
www.nzz.ch/article78UJD-1.509758
www.sueddeutsche.de/muenchen/ebersberg/ausstellung-regina-ullmann-andenken-an-eine-dichterin-1.958181

Bibliographie :
  • Feldpredigt. Dramatische Dichtung in einem Akt. Frankfurt a.M.: Verlag Demuth, 1907
  • Von der Erde des Lebens. Prosastücke. München/Leipzig: Frauen-Verlag, 1910
  • Gedichte. Leipzig: Insel-Verlag, 1919
  • Die Landstrasse. Erzählungen. Leipzig: Insel-Verlag, 1921
  • Vom Brot der Stillen. Erzählungen. Erlenbach-Zürich/Leipzig: Eugen Rentsch-Verlag, 1932
  • Der Apfel in der Kirche und andere Geschichten. Freiburg i.Br.: Herder Verlagsbuchhandlung, 1932
  • Der Engelskranz. Erzählungen. Einsiedeln/Köln: Verlagsanstalt Benziger, 1942
  • Schwarze Kerze. Erzählungen. Einsiedeln/Zürich/Köln: Benziger Verlag, 1954

Distinctions :
  • Ehrengabe der Museumsgesellschaft St. Gallen (1944)
  • Ausserordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München (1949)
  • Kulturpreis der Stadt St. Gallen (1954)

Extrait de "Konsultation in Erzählungen, Prosastücke, Gedichte; Bd.2, Zürich, 1980" [S. 174]

Er erkundigte sich nach der Art der Schmerzen, nach den Stellen, an welchen sie aufzutreten pflegten. Er nahm eine Untersuchung vor und liess die Fremde sich wieder ankleiden, ging auf und ab und sagte schliesslich, als führe er ein Selbstgespräch: „Es fehlt Ihnen nichts. Das heisst, Sie haben Schmerzen, es sind gewisse Schwellungen vorhanden, aber es fehlt Ihnen nichts.“ Und nach einer kurzen Zwischenpause, die jedoch niemand hätte im Gespräch als eine ihm zustehende in Anspruch nehmen können, fügte er knapp hinzu: „Lassen Sie das.“ Als hätte die Patientin wie ein Kind etwas Neugierde Erregendes, nicht Gehörendes anrühren wollen. Und er habe ihr gleichsam mit Worten auf die Finger geklopft.

précédent