Steiner Jens

Jens Steiner wurde 1975 als Sohn eines Schweizers und einer Dänin in Zürich geboren. Ab 1997 studierte er Germanistik, Philosophie und vergleichende Literaturwissenschaft in Zürich und Genf. Daneben arbeitete er im Detailhandel, in der Gastronomie und in der telefonischen Marktforschung. Nach dem Studium absolvierte er Volontariate und Praktika, bevor er sechs Jahre lang als Lehrer und Lektor wirkte. Heute lebt er als freier Autor in Zürich.

Liens
www.jenssteiner.ch/
ansichten.srf.ch/autoren/jens-steiner/
www.art-tv.ch/10346-0-Schweizer-Buchpreis-2013-Jens-Steiner.html

Bibliographie :
  • Hasenleben. Roman. Zürich: Dörlemann, 2011
  • Carambole. Ein Roman in zwölf Runden. Zürich: Dörlemann, 2013
  • Supermänner. Hörspiel. Basel: Radio SRF, 2014
  • Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit. Zürich: Dörlemann, 2015

Distinctions :
  • Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises (2011)
  • Förderpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (2012)
  • Auszeichnung «Das zweite Buch» der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung (2012)
  • Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises (2013)
  • Schweizer Buchpreis (2013)

Extrait de Carambole

Ich habe immer nur ein Bier genommen. Nach dem letzten Schluck sofort wieder nach Hause, ohne Ausnahme. Wenn ich in meinem verpfuschten Leben etwas gelernt habe, dann dies: Streng mit sich selber sein, sonst ist es zu früh zu spät. Also immer nur ein Bier, bis zum Ende aller Tage.
Und Heinz? Niemand weiß es, nicht mal die Katzige. An jenem Tag saß er bei ihr, als ob es nie anders gewesen wäre. Vor sich das Glas, irgendwo zwischen voll und halb leer. Als er bei halb leer angekommen war, machte er mit dem nächsten Schluck ganz leer, ließ das Glas mit dem gekippten Schaumrand in der Luft tanzen und machte einen blöden Spruch: »Katzige, tust du mir bitte die Luft hier raus?« Eine halbe Minute später stand ein neues Glas vor ihm. Keiner konnte es glauben, keiner, der ihn vorher gekannt hatte.
Heinz war schon immer da gewesen. Ich hatte seine Geschicke stets nur aus der Ferne verfolgt, denn etwas in mir wusste, dass er mir zu sehr ähnelte und ich ihn deshalb meiden sollte. Nichts in mir wusste hingegen, dass Heinz mir vorausging und mir eines Tages den richtigen Weg weisen würde. Ich würde es erst im letzten Moment erfahren.
Fünfzehn Jahre lang hatte er beim Bauern Hartmann als Knecht gedient. Er hätte immer dort bleiben können, denn bei Hartmann war er aufgehoben. Und weil Hartmann ein Stolzer war, war auch Heinz ein Stolzer. Man soll das nicht verteufeln, das Knechttum, es ist nur das Wort, das so unmenschlich klingt. Heinz war fleißig, immer bereit, er konnte auch gut mit dem Vieh. Doch eines Tages ging es zu Ende mit Hartmann, das Vieh wurde versteigert, der Hof begann zu verfallen, und Heinz stand da mit leeren Händen. In dem ganzen Unglück zeigte wenigstens einer Erbarmen und schenkte ihm ein Zelt aus alten Armeebeständen. Es war mickrig, aber der kurzgewachsene Heinz konnte problemlos darin stehen. Er richtete sich auf der Gemeindewiese ein, ganz am unteren Rand, wo der Feldweg zum Wald hinüberzieht. Das ging in Ordnung, sie wussten, so einen wie ihn konnte man nicht in den Türkenblock stecken. Tagsüber stand Heinz fortan an der Straße, die Hände in den Hosentaschen, und wartete.

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