Pedretti Erica

Erica Pedretti wurde am 25.3.1930 in Sternberg (damalige Tschechoslowakei) geboren. Aufgewachsen ist sie in Mähren. 1945 kam die Familie auf Veranlassung einer Verwandten in die Schweiz (die Grossmutter von Pedretti war Schweizerin). Sie besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich. 1950 emigrierte sie in die USA, da die Familie in der Schweiz keine Aufenthaltsbewilligung erhielt. In New York arbeitete Erica Pedretti als Gold- und Silberschmiedin. 1952 kehrte sie in die Schweiz zurück und lebte mit ihrer Familie in Celerina (Kanton Graubünden). 1974 siedelte Pedretti nach La Neuveville (Kanton Neuenburg) über, wo sie auch heute lebt. Pedretti ist auch als Bildhauerin erfolgreich tätig. Intensive Eindrücke, die wechselvolle Geschichte des zuerst tschechischen, dann deutschen Landes, die Erschütterung durch den Krieg und das Kriegsende haben sich tief eingeprägt. In ihrem literarischen Erstling "Harmloses, bitte" (1970) drängen die dunklen Kindheitserinnerungen unaufhaltsam gegen die scheinbar gesicherte Gegenwart der Schweiz, den blauen Himmel des Engadins. Im Verlangen nach "Harmlosem" artikuliert sich eine ursprüngliche und nie erfüllte Sehnsucht nach einer harmonischen Welt. Mit einem Ausschnitt aus dem Roman "Valerie oder das unerzogene Auge" (1986) gewann Pedretti 1984 den Ingeborg Bachmann-Preis. Der suchende, schmiegsam bewegliche, dann wieder stockende, zögernde Satzrhythmus ist ein unverwechselbares Merkmal auch der folgenden Bücher: "Heiliger Sebastian" (1973), "Veränderung" (1977), "Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge" (1984).

Liens
www.rdl.de/index.php?option=com_content&view=article&id=9791:die-qerinnerungstexteq-der-autorin-erica-pedretti&catid=26
www.srf.ch/player/radio/reflexe/audio/lebensreise-mit-umwegen-erica-pedretti-wird-80?id=71edf9a7-d7a2-4943-b785-2c94f9864795
ansichten.srf.ch/autoren/erica-pedretti/
www.literaturpreise.ch/files/3713/7388/8126/Pedretti_Interview.pdf
www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4000503

Bibliographie :
  • Harmloses, bitte. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1970
  • Ils trais sudos/Die drei Soldaten. Bilderbuch. Zürich: Flamberg, 1971
  • Heiliger Sebastian. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1973
  • Veränderung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1977. Taschenbuchausgabe unter dem Titel: Die Zertrümmerung von dem Kind Karl und anderen Personen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1985
  • Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge. Erzählungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1984
  • Mal laut und falsch singen. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1986
  • Valerie oder Das unerzogene Auge. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1986
  • Engste Heimat. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1995
  • Kuckuckskind oder Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
  • Ein Text im Dialog. Hrsg. von Rudolf Bussmann und Martin Zingg. Basel: Lenos, 2000
  • fremd genug. Frankfurt/M.: Insel, 2010

Distinctions :
  • Förderpreis der Schweiz.Schillerstiftung (1970)
  • Prix Suisse (1970)
  • Gastpreis des Kantons Bern (1973)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1975)
  • Buchpreis des Kantons Bern (1977 / 1987)
  • Ingeborg Bachmann-Preis (1984)
  • Grosser Literaturpreis des Kantons Bern (1990)
  • Berliner Preis und Bobrowski-Medaille (1990)
  • Anerkennungspreis der Schweiz.Schillerstiftung (1995)
  • Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (1996)
  • Kunstpreis Stadt Biel (1996)
  • Bündner Kulturpreis (1999)
  • Literaturpreis Vilenica, Slowenien (1999)
  • Literaturpreis des Kantons Bern (2010)
  • Schweizer Literaturpreis (2013)

Extrait de "Valerie oder Das unerzogene Auge" [S. 174-175]

Er kommt, sieh da, er kommt öfter als sonst. Schweigsamer auch als sonst sitzt er da. Immer kürzere Einleitungen: wie es ihr gehe, wie sie die Nacht verbracht habe, wie ihr Appetit sei, wieviele Pillen, wieviele Spritzen, immer schneller versucht er zur Sache zu kommen, greift zum Block, zum Bleistift.
Je nun, wenigstens das, dass meine Krankheit, der Verlauf meiner Krankheit, wie er sich in meinem Aussehen manifestiert, ihn interessiert. So ist mein Verfall für etwas gut, er kann ihn studieren, ihn aufzeichnen: das Sterben, sein Thema, ich bin sein Modell mehr denn je.
Ich spür seinen kurzen intensiven Blick, er kommentiert meist, was er tut, - wie diese Stirne aus der Nasenwurzel steigt. Und der Verlauf der Nase. Nochmal. Härter. Der Schatten dieser schweren Lider. Halbgeschlossen, so. Da brauchte ich Farbe.
Ich höre den Stift auf dem Papier und zerfalle unter den auf Einzelheiten konzentrierten Augen in lauter Teilstücke: Nase und Lippen und Kinn und Stirn und Ohr und Auge und Hals und Haar und Hand.
Er ist da, neben mir im Zimmer, unendlich weit weg.
Wenn ich die Luft einziehe, das leiseste Stöhnen verstört seinen aufs Papier gerichteten Blick, gleich, es fehlen nur noch wenige schnelle Striche, wird er aufstehen, und es könnte sein, dass er drei, vier Tage nicht wiederkommt.

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