Meyer Thomas

Thomas Meyer wurde am 20. Januar 1974 in Zürich geboren und wuchs hier in einer liberalen jüdischen Familie auf. Nach einem abgebrochenen Studium der Jurisprudenz absolvierte er ein Praktikum in einer Werbeagentur. Im Anschluss daran arbeitete er als Texter und Konzepter für Werbeagenturen sowie als Textchef (bei „Facts“) und Kolumnist auf Redaktionen. Er schrieb als freier Journalist für die „Weltwoche“ und „Das Magazin“. 2006 machte er sich selbständig als Autor und Texter. Für sein Kunstprojekt „Aktion für ein kluges Zürich“ erhielt er 2010 den Swiss Text Award der Schweizerischen Text Akademie. Dafür hatte er während zwei Jahren über 5000 Kleber in der ganzen Stadt verteilt, die Passanten mit existentiellen Fragen konfrontieren sollten. Erste Beachtung als Autor erlangte Thomas Meyer mit Texten, die er ab 1998 unter dem Pseudonym Hans Schmerz im Internet veröffentlichte; dazu kreierte er eine Website, die als einer der ersten Zürcher Blogs bezeichnet werden kann. Thomas Meyer liebt das Spiel mit zweckgebundenen und zweckfreien Textsorten und erweist sich als sprachgewandter Grenzgänger. Seine Kolumnen gab er 2001 und 2002 in Buchform heraus. Für seinen Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ (2012) benutzte der Autor, der sich selbst als säkularen Juden bezeichnet, zwei Quellen: ein Buch über jüdische Glaubenspraxis im Alltag sowie seine Mutter mit ihrem reichen Fundus an Wissen und Anekdoten. Entstanden ist ein Roman, der Einblicke in die orthodoxe Gemeinschaft der Zürcher Juden gibt und mit feinem Witz und einer eigenwilligen, mit jiddischen Ausdrücken gespickten Sprache überzeugt. Der Autor lebt und arbeitet in Zürich.

Liens
www.herrmeyer.ch
www.thomasmeyer.ch/
www.youtube.com/watch?v=vpZtp2-MR8Q
www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Juedisch-zu-sein-ist-auch-ein-Lifestyle/story/29046231
www.schweizermonat.ch/artikel/von-schicksen-und-raeucherstaebchen
www.migrosmagazin.ch/menschen/interview/artikel/antisemitismus-ist-ein-evergreen

Bibliographie :
  • Federhure. Zürich: Edition J. Zentner, 2001
  • Federhure ff. Zürich: Edition Fairlane, 2002
  • Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Zürich: Salis, 2012
  • Wem würden Sie nie im Leben eine Postkarte schicken? Zürich: Salis, 2013
  • Wäre die Einsamkeit nicht so lehrreich, könnte man glatt daran verzweifeln. Zürich: Salis, 2015
  • Ich frage, was für Tee es sei, der schmecke so gut. Zürich: Salis, 2015
  • Trennt Euch! Von nichtpassenden Beziehungen und ihrem wohlverdienten Ende. Zürich: Salis, 2016

Distinctions :
  • Swiss Text Award (2010)
  • Nomination für den Schweizer Buchpreis (2012)

Extrait de „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ [S. 86-88]

Als ich die Badenerstrasse überquerte, bemerkte ich einen Brillenladen. Ich trat näher und sah Brillengestelle in den sonderbarsten Formen aus Kunststoff. Sie wirkten, als hätten Zeitreisende aus einer fernen Zukunft sie abgelegt und vergessen.
Interessiert betrat ich den Laden. Die elektronische tirglok, aktiviert durch den Lichtsensor, lockte aus dem Hinterzimmer einen sympathischen man mittleren Alters. Auch er trug eine briln aus der Zukunft und stutzte, als er mich erblickte. „Ich hatte einen kleinen Autounfall“, wies ich entschuldigend auf die Situation in meinem punem.
„Haben Sie sich verletzt?“, fragte der man mit echter Anteilnahme.
„Nur leicht“, antwortete ich, „im Gegensatz zu meiner briln.“
„Der man schaute mich verwirrt an: „Briln?“
„Oh, bitte entschuldigen Sie. Brille. Briln ist jiddisch für Brille.“
„Ach so“, sagte der man freundlich, „dann … nehmen Sie doch bitte Platz!“ Er deutete mit der hant einladend auf einen hipschn Holztisch.
„Woran haben Sie denn gedacht?“, fragte er, nachdem er auf seinem schtul herangerückt war.
„Wie Sie sehen, bin ich Jude“, sagte ich.
„Ja, das sehe ich“, lächelte er. Er machte nicht den Eindruck, als wartete er darauf, dass ich demnächst mit dem Feilschen beginnen würde.
„Und wir Juden haben eigentlich alle dieselben briln“, sagte ich, nahm meine ab, legte sie auf den Tisch und zeigte darauf.
„Das ist mir auch schon aufgefallen“, sagte der Optiker amüsiert und fragte: „Warum eigentlich?“
„Weil wir alle zum gleichen Optiker gehen“, antwortete ich. „Von dem komme ich gerade. Seine Auswahl ist sehr klein. Eigentlich ist es gar keine. Ich möchte auf jeden Fall mal etwas anderes.“
„Ich glaube, ich kann Ihnen helfen“, sagte der Optiker und erhob sich, um aus einer breiten, flachen schuflod einige Brillengestelle herauszuholen. Er legte sie in einem Halbkreis vor mir auf dem Tisch aus und setzte sich wieder, mit den Worten: „Wir haben letzte Woche neue Modelle erhalten. Ich würde sagen, das ist etwas anderes, als was Sie da haben.“
Interessiert begutachtete ich die wunderlichen Gebilde und las die nicht minder fantastischen Bezeichnungen in den Bügeln: Elevator Eyes, My Heart Rates Rapid, Shake the Night Away, Fountain of Truth, Tomorrow Noon.
Mir gefielen alle Modelle, doch das letzte, ein eklatantes aus dunklem Schildpattimitat, tat es mir mit seinen riesigen Glasfassungen, verbunden durch einen bulligen Steg, am meisten an. Begeistert setzte ich es auf.

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