Meyer Conrad Ferdinand

Conrad Ferdinand Meyer wurde am 11. Oktober 1825 als Sohn eines Patriziers in Zürich geboren. Er wuchs in einem calvinistischen Elternhaus auf und besuchte das Gymnasium seiner Geburtsstadt. Ein Jahr vor der Matura stehend, musste sich Meyer ein erstes Mal wegen seiner psychischen Verfassung in eine Lausanner Pension begeben. Nach dem Schulabschluss begann er auf Wunsch des Vaters, der in ihm einen zukünftigen Regierungsbeamten sah, ein Jurastudium. Geplagt von düsteren Phantasien und melancholischer Zurückgezogenheit brach Meyer das Studium ab. Bei einem zweiten Versuch belegte C.F. Meyer Geschichte, Philologie und Malerei. Seine Depressionen hatte er jedoch nicht überwunden: 1852 hielt er sich während sieben Monaten zu einer psychiatrischen Kur in der Irrenanstalt Préfagier (Kt.NE) auf. Wieder genesen unterrichtete Meyer am Blindeninstitut in Lausanne Geschichte. Erst der Selbstmord der Mutter (1856) in psychiatrischer Behandlung befreite den jungen Mann allmählich von den lähmenden Lebenshemmnissen. In den folgenden Jahren lebte er mit seiner Schwester Betsy in der Umgebung von Zürich und unternahm viele Reisen nach Paris, Rom und Florenz, wo er besonders die bildende Kunst der Renaissance entdeckte. Autodidaktisch beschäftigte er sich weiter mit Geschichte und französischer Literatur und erarbeitete sich so eine umfassende Bildung. Meyer übersetzte historische und literarische Werke. Den Durchbruch zu öffentlicher Anerkennung als Autor schaffte er jedoch erst mit dem Versepos „Huttens letzte Tage“ von 1871. Der Text wurde später immer wieder überarbeitet und erschien insgesamt fünfzehn Mal. Meyers Entscheid in deutscher Sprache zu arbeiten, er hatte zuerst geplant auf Französisch zu schreiben, war damit gefestigt. 1875 heiratete er die Tochter eines Zürcher Regierungsrats und wohnte mit ihr fortan in Kilchberg/ZH. In den folgenden Jahren entstanden die meisten seiner Werke, die Meyer im gesamten deutschen Sprachraum bekannt und zu einem der bedeutendsten Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts machten. Neben seiner plastischen, symbolhaften Lyrik und den Balladen schrieb er vor allem Novellen mit meist historisch-religiösem Hintergrund. 1887 erkrankte Conrad Ferdinand Meyer an den Halsorganen und wurde von Depressionsanfällen heimgesucht. Kaum erholt, schlug die psychische Krankheit vollends durch und Meyer musste 1892 wegen schwerer Depressionen in die Heilanstalt Königsfelden gebracht werden. Die letzten Lebensjahre verbrachte er, von seiner Frau liebevoll gepflegt, im melancholischen Dämmerzustand in seinem Haus in Kilchberg, wo er am 28. November 1898 verschied.

Liens
www.conrad-ferdinand-meyer.de

Bibliographie :
  • Zwanzig Balladen von einem Schweizer. 1864
  • Huttens letzte Tage. Eine Dichtung. 1871
  • Engelberg. Eine Dichtung.1872
  • Das Amulett. 1873
  • Jürg Jenatsch. Eine Bündnergeschichte. 1876
  • Der Schuss von der Kanzel. 1877
  • Der Heilige. 1879
  • Plautus im Nonnenkloster. 1881
  • Gustav Adolfs Page. 1882
  • Das Leiden eines Knaben. 1883
  • Die Hochzeit des Mönchs. 1884
  • Die Richterin. 1885
  • Die Versuchung des Pescara. 1887
  • Angela Borgia. 1891
  • Sämtliche Gedichte. 1882

Distinctions :
  • Ehrendoktor der Universität Zürich (1880)

Extrait de "Jürg Jenatsch" [S. 7-8]

Die Mittagssonne stand über der kahlen, von Felshäuptern umragten Höhe des Julierpasses im Lande Bünden. Die Steinwände brannten und schimmerten unter den stechenden senkrechten Strahlen. Zuweilen, wenn eine geballte Wetterwolke emporquoll und vorüberzog, schienen die Bergmauern näher heranzutreten und, die Landschaft verengend, schroff und unheimlich zusammenzurücken. Die wenigen zwischen den Felszacken herniederhangenden Schneeflecke und Gletscherzungen leuchteten bald grell auf, bald wichen sie zurück in grünliches Dunkel. Es drückte eine schwüle Stille, nur das niedrige Geflatter der Steinlerche regte sich zwischen den nackten Blöcken und von Zeit zu Zeit durchdrang der scharfe Pfiff eines Murmeltiers die Einöde.
In der Mitte der sich dehnenden Paßhöhe standen rechts und links vom Saumpfade zwei abgebrochene Säulen, die der Zeit schon länger als ein Jahrtausend trotzen mochten. In dem durch die Verwitterung beckenförmig ausgehöhlten Bruche des einen Säulenstumpfes hatte sich Regenwasser gesammelt. Ein Vogel hüpfte auf dem Rande hin und her und nippte von dem klaren Himmelswasser.
Jetzt erscholl aus der Ferne, vom Echo wiederholt und verhöhnt, das Gebell eines Hundes. Hoch oben an dem stellenweise grasbewachsenen Hange hatte ein Bergamaskerhirt im Mittagsschlafe gelegen. Nun sprang er auf, zog seinen Mantel fest um die Schultern und warf sich in kühnen Schwüngen von einem vorragenden Felsturme hinunter zur Einholung seiner Schafherde, die sich in weißen beweglichen Punkten nach der Tiefe hin verlor. Einer seiner zottigen Hunde setzte ihm nach, der andere, vielleicht ein altes Tier, konnte seinem Herrn nicht folgen. Er stand auf einem Vorsprunge und winselte hilflos.
Und immer schwüler und stiller glühte der Mittag. Die Sonne rückte vorwärts und die Wolken zogen.

précédent