Meier Simone

Simone Meier wurde am 5. März 1970 in Lausanne geboren. Aufgewachsen ist sie in Zeiningen (Kanton Aargau). Meier studierte Germanistik, Amerikanistik und Kunstgeschichte in Basel, Berlin und Zürich (1990-1995). Anschliessend war sie zuerst Korrektorin, dann Kulturredaktorin bei der „WochenZeitung“ (WoZ). Seit 1998 arbeitet Meier in gleicher Funktion beim „Tages-Anzeiger“. Sie schreibt zudem als freie Mitarbeiterin für „Theater heute“. Simone Meier lebt in Zürich.

Liens
www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Ein-Star-ist-wunderbar/story/10478489
www.watson.ch/Simone+Meier

Bibliographie :
  • Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben. Roman. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2000
  • Meiers Best. Zürich: Werd Verlag, 2005

Distinctions :
  • Fördergabe der Internationalen Bodensee-Konferenz (2000)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (2000)

Extrait de "Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben" [S. 22-23]

„Wie schön du bist“, sagt Clemens, als wir uns am Neujahrstag in seiner Wohnung über Porträtfotografien beugen, die Helena von mir gemacht hat, „ein Gesicht voll flüchtiger Vögel. Mit dir muss man Filme drehen!“ Wir holen Champagner, stellen uns nebeneinander auf seinen Balkon, er blickt erst in meine Stadtrichtung, dann in meine Augen und seufzt leise: „Ma chère aimée, ma chère aimée.“
„Das klingt beinah, als hättest du ein Herz.“
„Aber mein Lieb, das hab ich doch. Heute glaub ich gar, ich könnte dich ein Leben lang behüten, wie ein richtiger Gatte.“
„Weißt du“, hatte er mir einmal gesagt, als wir im Platzregen den See entlanggerannt waren und uns endlich, vor Kälte zitternd, unter einem Baum aneinanderklammerten, „vielleicht werde ich mich tatsächlich für sie entscheiden, auch wenn ich vor dir kein Leben hatte. Denn wer gibt mir die Gewissheit, dass du mich in einem Jahr noch liebst?“
„Ja“, sagte ich traurig, und meine Stimme klang, als zerklirrten viele kleine Weihnachtskugeln, „nie habe ich einen so sehr geliebt wie dich, das ist die Wahrheit und wird sie immer bleiben. Aber es wird auch immer so sein, dass meine Liebhaber zu diesen anderen Frauen zurückkehren, die ihnen ein Essen geben und eine Sicherheit. Von mir bekommst du nur die Liebe und vielleicht den Tod.“
Ich wandte mich ab und lief im Regen zum See, und im Licht eines vorbeifahrenden Schiffes sah er, wie die Vögel in meinem Gesicht verzweifelt versuchten aufzufliegen. Und er riss mich an sich und tötete die Vögel so lange mit seinen Küssen, bis wir beide ins seichte Uferwasser sanken. Es war wie eine Oper, und ich glaubte mir jedes Wort und ihm erst recht und wollte nicht wahrhaben, dass seine grossen, runden Sätze mit der Zeit zusammenschmoren würden wie Dörrobst im Ofenrohr.

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