Loetscher Hugo

Hugo Loetscher (1929-2009) wurde am 22.12.1929 in Zürich geboren, wo er die Volksschule und das Gymnasium besuchte. In Zürich und Paris studierte er Politische Wissenschaften, Soziologie, Wirtschaftsgeschichte und Literatur. Er war Redaktor bei der Zeitschrift "du" (1958-1962) und bei der "Weltwoche" (1964-1969). Seit 1969 arbeitete er als freier Schriftsteller, betätigte sich aber weiterhin immer wieder journalistisch. Hugo Loetscher, der immer wieder in die Fremde aufbrach (v.a. Südamerika), kehrte aber auch immer wieder zurück und war an der Schweiz und ihrem Geschick interessiert. Dies spiegelt sich sowohl in seinen Essays und Reportagen als auch in seinen Romanen. In seiner Heimatstadt Zürich starb er am 18.8.2009. Von geselliger Natur, war er doch innerhalb der deutschschweizerischen Literatur ein Einzelgänger: "Diese ewige Identität und das Leiden daran", seit Frisch ein Generalthema der Schweizer Literatur, quälte ihn nicht; die Enge der Schweiz beengte ihn nicht. Vielmehr war das Land für ihn eine Chance, das Ich in der Begegnung mit dem Andern zu erweitern und zu vertiefen, in alle Richtungen auszuschweifen und wieder zurückzukehren, "bis es keinen Unterschied mehr gab zwischen vertraut und unvertraut". Loetschers erste Romane "Abwässer" (1963), "Die Kranzflechterin" (1964), "Noah" (1967) sind als Parabeln gebaut, die nicht die Veränderbarkeit der Welt demonstrieren, sondern deren dunkle Gesetzmässigkeiten. Schon im Erstling "Abwässer" erwies sich Loetscher als eminent politischer Autor; er dachte politisch, aber, wie Dürrenmatt, ohne Vertrauen in irgendeine Ideologie. In jedem Gesellschaftssystem müssen Abwässer abgeleitet und geklärt werden; keine Revolution schafft den perfekten Staat und eine reine Welt; der Tod steht immer im Hintergrund. Das ist die Einsicht, mit der der melancholisch-gelassene Abwässerinspektor zu leben hat. Sie schliesst Hoffnung auf Veränderung so wenig aus wie vernünftiges Handeln. Diese spannungsreiche Problematik prägt auch die beiden grossen Romane "Der Immune" (1975) und "Die Papiere des Immunen" (1986): lockere Gebilde von kunstvoll ineinander verschlungenen Reflexionen und Erzählungen, ein Kaleidoskop der erfahrenen und bereisten Welt. Der Mann, der ein "Immuner" genannt wird, ist freilich kein Unempfindlicher, sondern einer, der sich gegen die eigene Empfindlichkeit schützen muss und der die Fähigkeit erwirbt, in einer Welt zu überleben, in der man sogar in der Zuschauerrolle vor Entsetzen und Mitleid umkommen müsste. Zwischen den beiden Bänden entstand das schwermütige Los-Angeles-Buch "Herbst in der grossen Orange" (1982).

Liens
www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/loetscher_hugo_1.3367670.html
www.zeit.de/2009/36/L-P-Loetscher
www.srf.ch/player/tv/tagesschau/video/neues-buch-von-hugo-loetscher?id=95b8e54e-4309-4357-bc26-794350dc533f
beatmazenauer.ch/index.php?0&page=xc4a8affc821a1f&parent=xc450d3c128ab66&lang=de
www.art-tv.ch/5089-0-museum-strauhof--hugo-loetscher.html
www.schweizamsonntag.ch/ressort/medien/855/

Bibliographie :
  • Schichtenwechsel. Stück in 26 Bildern. Zürich: H.R.Stauffacher, 1960
  • Abwässer. Ein Gutachten. Zürich: Arche, 1963
  • Die Kranzflechterin. Zürich: Arche, 1964
  • Noah. Roman einer Konjunktur. Zürich: Arche, 1967
  • Zehn Jahre Fidel Castro. Reportage und Analyse. Zürich: Arche, 1970
  • Der Immune. Darmstadt: Luchterhand, 1975. Überarbeitete Neuausgabe: Zürich: Diogenes, 1985
  • Die Entdeckung der Schweiz und anderes. Romanausschnitte und Erzählungen. Zürich: Gute Schriften, 1976
  • Wunderwelt. Eine brasilianische Begegnung. Darmstadt: Luchterhand, 1979
  • Herbst in der grossen Orange. Zürich: Diogenes, 1982
  • Der Waschküchenschlüssel und andere Helvetica. Zürich: Diogenes, 1983
  • Die Papiere des Immunen. Zürich: Diogenes, 1986
  • Vom Erzählen erzählen. Münchner Poetikvorlesungen. Zürich: Diogenes, 1988
  • Die Fliege und die Suppe und 33 andere Tiere in 33 anderen Situationen. Zürich: Diogenes, 1989
  • Der predigende Hahn. Das literarisch-moralische Nutztier. Zürich: Diogenes, 1992
  • Saison. Zürich: Diogenes, 1995
  • Die Augen des Mandarin. Zürich: Diogenes, 1999
  • Vom Erzählen erzählen. Poetikvorlesungen. Zürich: Diogenes, 1999
  • Äs tischört und plutschins. Über das Unreine in der Sprache. Eine helvetische Situierung. Zürich: Vontobel-Stiftung, 2000
  • Durchs Bild zur Welt kommen. Reportagen und Aufsätze zur Fotografie. Zürich: Scheidegger & Spiess, 2001
  • Der Buckel. Geschichten. Zürich: Diogenes, 2002
  • Lesen statt klettern. Aufsätze zur literarischen Schweiz. Zürich: Diogenes, 2003
  • Es war einmal die Welt. Gedichte. Zürich: Diogenes, 2004
  • In alle Richtungen gehen. Reden und Aufsätze. Zürich: Diogenes, 2005
  • War meine Zeit meine Zeit. Zürich: Diogenes, 2009
  • Das Entdecken erfinden. Unterwegs in meinem Brasilien. Zürich: Diogenes, 2016 (Reisereportagen, erstmals in Buchform erschienen.)

Distinctions :
  • Charles Veillon-Preis (1964)
  • Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis (1966)
  • Literaturpreis der Stadt Zürich (1972)
  • Wolfgang Amadeus Mozart-Preis der Basler Goethegesellschaft (1983)
  • Literaturpreis der Zürcher Kantonalbank (1985)
  • Ehrengabe der Schweiz.Schillerstiftung (1985)
  • Preis der Luzerner Förderungs-Kommission (1986)
  • Ehrengabe der Stadt Zürich für "Die Fliege" (1989)
  • Grosser Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1992)
  • Kreuz des Südens - Orden für Verdienste um die brasilianische Kultur (1994)
  • Werkbeitrag des Kantons Zürich (2000)

Extrait de "Der Immune" [S. 7]

Das Theater konnte beginnen. Er lag in seinem Zuschauerraum, inmitten von Kissen, allein und strampelnd, vor sich die erste Bühne, den Ausschnitt eines ovalen Halbrunds, das die gekräuselten Vorhänge eines Stubenwagens abschlossen. Es waren seine ersten Vorhänge, die über einem Geschehen hochgingen. Es gab zwei Hauptfiguren, die man sich merken musste; die mit dem langen Haar, die war ganz wichtig, und jene mit dem Schnurrbart. Sie traten zur Hauptsache von rechts und von links auf, gelegentlich auch in der Mitte. Sie umarmten sich und zeigten mit ausgestreckten Fingern in den Stubenwagen: "Die Nase hat er von mir, aber den Mund von dir." Sie schienen über ihn zu verfügen und sich anbiedern zu wollen. Beugten sie sich über ihn, wechselten sie ihr Deutsch; sie sagten "Dulli", "Dalli" und "Dada", das war die erste Bühnensprache, die er vernahm. Auf dieser Bühne jenseits der Vorhänge gab es zwei Requisiten, die es ihm angetan hatten, eine Brust und eine Flasche. So verschieden die Brust und ihr Double, die Flasche, waren, sie besassen etwas Gemeinsames: Sog man daran, kam etwas heraus, wobei die Temperatur der Brustmilch ausgeglichener war. Dem Säugling gefiel die Vorstellung. Er brauchte nur zu weinen oder zu schreien, schon traten die Akteure auf, von rechts oder von links.

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