Leutenegger Gertrud

Gertrud Leutenegger wurde am 7.12.1948 in Schwyz geboren und ist dort aufgewachsen. Mehrere Jahre lebte sie sowohl in der französischen als auch in der italienischen Schweiz. An der Zürcher Schauspielakademie studierte Gertrud Leutenegger Regie und arbeitete 1978 als Regieassistentin von Jürgen Flimm am Hamburger Schauspielhaus. Nach zahlreichen Reisen und Aufenthalten in Florenz und Berlin lebte die Autorin längere Zeit in Japan. Heute wohnt Leutenegger in Zürich.

Liens
ansichten.srf.ch/autoren/gertrud-leutenegger/
www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Gertrud-Leutenegger-im-Buchpreisfinale/story/29585669
www.nzz.ch/nachrichten/kultur/buchrezensionen/tage_im_turm_der_voegel_1.832682.html

Bibliographie :
  • Vorabend. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1975
  • Ninive. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1977
  • Lebewohl. Gute Reise. Ein dramatisches Poem. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1980
  • Wie in Salomons Garten. Gedichte. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1981
  • Gouverneur. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1981
  • Komm ins Schiff. Dramatisches Poem. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1983
  • Kontinent. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1985
  • Das verlorene Monument. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1985
  • Meduse. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988
  • Acheron. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994
  • Sphärenklang. Dramatisches Poem. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1999
  • Pomona. Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2004
  • Gleich nach dem Gotthard kommt der Mailänder Dom. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2006
  • Matutin. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2008
  • Panischer Frühling. Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2014

Distinctions :
  • Preis der Klagenfurter Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises (1978)
  • Meersburger Droste-Preis für Schriftstellerinnen (1979)
  • Gastpreis der Luzerner Literaturförderung (1985)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1986)
  • Literarische Ehrengabe der Stadt Zürich (1988)
  • Anerkennungspreis der Luzerner Marianne und Curt Dienemann-Stiftung (1993)
  • ZKB Schillerpreis (2009)
  • Atelierstipendium Stiftung Landis&Gyr (2009)
  • Roswitha-Preis (2014)

Extrait de "Acheron" [S. 26-27]

Die Nackenstütze habe ich längst weggeschoben, den Kopf auf die Armbeuge gelegt; nichts zu machen, ich kann nicht mehr einschlafen. Wie schon oft sehe ich mich von lauter Schlafenden umgeben, es begann bereits im Flugzeug. Das letzte Rascheln von Besteckhüllen und Zeitungen war verstummt; von hinten nach vorn gehend, zogen die Stewardessen auf beiden Seiten einige offengebliebene Jalousienklappen herunter, dabei breitete sich in der Tiefe die Arktis aus, hellrot schimmernd im versinkenden Licht. Ich drückte mich mit meiner ganzen Person gegen die kleine Luke, damit mir nichts entginge, auch nicht der geringste Streifen Helligkeit ins dämmrige Flugzeuginnere falle. Vergeblich, die Stewardess hatte mich entdeckt und ermahnte mich vorwurfsvoll zu schlafen. Aber wir sind über dem Nordpol! rief ich, sehen Sie die flammenden Eisberge nicht? Die Stewardess schien indigniert durch meine Neugier, wahrscheinlich kam es ihr auch irgendwie barbarisch vor, sich derart für die rohe Natur zu interessieren. Sie blieb unnachgiebig, aber ich musste noch ein paarmal die Klappe lüpfen, ehe ich mich ergab. Natürlich war ich nun erst recht hellwach. Aber war nicht vielleicht der allgemeine Schlaf um mich nur eine Täuschung, ein anderer Grad von Wachheit? Hinter den geschlossenen Lidern, den vornübergesunkenen Köpfen schien eine umfassendere Gegenwart das Auge aufzuschlagen, so wie mir umgekehrt später das unablässige Strömen der Menschenmassen in den Strassen schlafwandlerisch und wie von einem mächtigen Traum getragen vorkam.

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