Hutmacher Rahel

Rahel Hutmacher wurde am 14. September 1944 in Lausanne geboren. Nach dem Besuch der Schulen liess sie sich zur Diplom-Bibliothekarin ausbilden und leitete während fünf Jahren eine Bibliothek in ihrer Heimatstadt. Hutmacher entschloss sich zu einer Zweitausbildung und studierte von 1971 bis 1975 Psychologie und Lehranalyse. Seither ist sie als Dozentin für psychologische Gesprächsführung und Supervisorin mit eigener Beraterpraxis tätig. Rahel Hutmacher lebt und arbeitet in Zürich. Hutmachers Erzählungen entziehen sich einer Einordnung in gängige literarische Muster: Die oft nur ein bis zwei Seiten langen Prosaminiaturen schöpfen ihre Urbilder aus Sagen, Mythen und Märchen und behandeln mit diesem Stoff existenzielle Grunderfahrungen. Die Autorin kreiert eine Gegenwelt in Einklang mit den Elementen der Natur. Diese steht der feindlichen Zivilisation, der rationalen Welt, die oft durch Männer repräsentiert wird, gegenüber. Die Aussöhnung des Menschen mit der Natur und sich selber ist das Zentralthema in Rahel Hutmachers Werk. (Foto: Mara Meier)

Liens
www.zeit.de/1982/20/raetsel-maerchen/seite-2

Bibliographie :
  • Wettergarten. Geschichten. Darmstadt: Luchterhand, 1980
  • Dona. Geschichten. Darmstadt: Luchterhand, 1982
  • Tochter. Prosa. Darmstadt: Luchterhand, 1983
  • Wildleute. Prosa. Darmstadt: Luchterhand, 1986
  • Neunerlei Holz. Roman. Darmstadt: Luchterhand, 2001

Distinctions :
  • Förderpreis der Stadt Düsseldorf (1980)
  • Förderpreis von Rauris, Österreich (1980)
  • Förderpreis der Stadt Zürich (1981)
  • Förderungspreis des Landes Nordrhein-Westfalen (1981)

Extrait de "Wettergarten"

Aufwachen und gleich hören, etwas ist anders: Was ist mit meinen Ohren los?
Vor meinem Fenster höre ich die Vögel reden, und der Baum redet im Wind, und jetzt der Schrei der Amsel: Hütet euch, hütet euch.
Gute Ohren hatte ich schon immer; ich unterscheide seit langem die Vögel an ihren Rufen; man nennt mich eine aufmerksame Zuhörerin.
Ich kann sagen: Da drüben weint ein Kind; niemand hätte es sonst gehört.
Aber jetzt ist alles anders. Meine Ohren sehen zwar aus wie früher und fühlen sich wie früher an, aber ich fühle, sie wachsen, sie falten sich auf und tasten die Luft ab; so fangen sie jeden Laut.
Da höre ich plötzlich das Wünschen der Diebe, den blitzkurzen Hass in den freundlichen Worten und das Gelächter des Kindes im achten Monat - und fürchte mich sehr.
Wie das gekommen ist, über Nacht. Gestern war von alledem noch nichts. Keine Ankündigung; kein Zauberspruch; oder vielleicht habe ich nur nichts gemerkt. Vielleicht wurde es mir gesagt, mehrmals, bereite dich vor; und ich hörte nichts.

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