Hürlimann Thomas

Thomas Hürlimann wurde am 21.12.1950 in Zug geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums an der Stiftsschule in Einsiedeln absolvierte er ein Philosophiestudium in Zürich und Bern. Danach war Hürlimann als Regieassistent und Produktionsdramturge am Berliner Schiller Theater tätig (1982-1985). Seit 2000 ist er Dozent am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Hürlimann lebt in Willerzell (Kanton Schwyz). Thomas Hürlimann ist als Dramatiker und Erzähler hervorgetreten. 1981 erschien "Die Tessinerin". Es sind sechs sehr persönliche Geschichten. So berichtet "Die Begegnung" vom Gang in eine gefährliche Kneipe, "Die Pechbindung" ist fast eine Liebesgeschichte, und in "Die Haare der Schönheit" treten Menschen auf, die durch die Wirklichkeit hindurch gegangen sind. Unter der Oberfläche der Tatbestände und Zustände aber spürt der Autor Zusammenhänge auf, die dem blossen Auge nicht sichtbar sind. Damit lösen sich die persönlichen Erlebnisse von der Folie des Privaten und werden zu Nachrichten für uns, die Leser. Diese besondere Qualität des Erzählers Hürlimann bestätigte sich nachdrücklich bei Erscheinen der Novelle "Das Gartenhaus" (1989). In seinem ersten Theaterstück "Grossvater und Halbbruder" (1981) taucht ein Flüchtling, der sich als Halbbruder Hitlers ausgibt, aber möglicherweise Jude ist, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges in der Ostschweiz auf. In einer "Pechverbindung" treibt der Fremde den Grossvater, der selber ein Aussenseiter ist und im Grunde auf der Seite der Juden steht, in den Wahnsinn. Am Ende werden beide, der Grossvater und der vermeintliche Jude, von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt und verstossen.

Liens
www.srf.ch/player/tv/-/video/thomas-huerlimann?id=3b2be95c-7e4b-458e-b911-23018e453faf
www.nzz.ch/feuilleton/buecher/der-tod-die-erinnerung-und-der-stil-1.18239321
www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/wo-frueher-das-kreuz-hing-haengt-heute-das-rauchverbot/story/30928065

Bibliographie :
  • Die Tessinerin. Geschichten. Zürich: Ammann, 1981
  • Grossvater und Halbbruder. Ein Theaterstück. Zürich: Ammann, 1981
  • Stichtag, Grossvater und Halbbruder. Zwei Theaterstücke. Frankfurt/M.: Fischer, 1984
  • Stichtag. Der Text und ein Bilderbuch zur Probenarbeit. Mit Illustrationen von Sevgi Oezdamar, Anna Langhoff und Martigna Pedretti. Zürich: Schauspielhaus: Neue Schauspiel AG, 1985 (= Programmbuch Schauspielhaus Zürich 1985/86)
  • Der Ball. Erzählung. Zürich: Ammann, 1986
  • Das Gartenhaus. Novelle. Zürich: Amman, 1989
  • Der letzte Gast. Komödie. Zürich: Ammann, 1990
  • Der Gesandte. Zürich: Ammann, 1991
  • Innerschweizer Trilogie. (Enthält: De Franzos im Ybrig. Komödie, Dämmerschoppen. Novelle, Lymbacher, nach Inglin. Stück). Zürich: Ammann, 1991
  • Die Satellitenstadt. Geschichten. Zürich: Ammann, 1992
  • Güdelmäntig. Komödie. Zürich: Ammann, 1993
  • Der Franzos im Ybrig. Komödie. Zürich: Ammann, 1996
  • Carleton. Ein Stück. Zürich: Ammann, 1996
  • Das Holztheater. Geschichten und Gedanken am Rand. Zürich: Ammann, 1997
  • Der grosse Kater. Zürich: Ammann, 1998
  • Das Lied der Heimat. Alle Stücke. Frankfurt: Fischer Taschenbuch, 1998
  • Das Einsiedler Welttheater. Nach Calderón de la Barca. Zürich: Ammann, 2000
  • Fräulein Stark. Novelle. Zürich: Ammann, 2001
  • Himmelsöhi, hilf ! Über die Schweiz und andere Nester. Zürich: Ammann, 2002
  • Vierzig Rosen. Zürich. Ammann Verlag, 2006
  • Das Einsiedler Welttheater. Theaterstück. Zürich: Ammann, 2007
  • Sprung in den Papierkorb. Zürich: Ammann, 2008
  • Dämmerschoppen. Geschichten. Zürich: Ammann, 2009
  • Der Mittagsteufel-Die Geworfenheit spricht zu den Entwürfen. Blieskastel: Gollenstein, 2011

Distinctions :
  • Aspekte-Literaturpreis (1981)
  • Rauriser Literaturpreis (1982)
  • Preis der Frankfurter Autorenstiftung (1982)
  • Gastpreis des Luzerner Literaturpreises (1985)
  • Kritiker-Preis des Südwestfunks (1990)
  • Berliner Literaturpreis (1992)
  • Literaturpreis der Innerschweiz (1992)
  • Marieluise-Fleisser-Preis (1992)
  • Mozart-Preis (1993)
  • Weilheimer Literaturpreis (1995)
  • Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (1997)
  • Solothurner Literaturpreis für das Gesamtwerk (1998)
  • Ehrengabe der Stadt Zürich (2001)
  • Joseph-Breitbach-Preis (2001)
  • Jean-Paul-Preis (2003)
  • Bayerischer Literaturpreis (2003)
  • Schillerpreis (2007)
  • Caroline-Schlegel-Preis (2008)
  • Thomas-Mann-Preis (2012)
  • Hugo-Ball-Preis (2014)
  • Alemannischer Literaturpreis (2014)

Extrait de "Heimkehr nach Zug" in "Die Satellitenstadt" [S. 35]

Ein junger Schauspieler, der lange Jahre an deutschen Provinztheatern gelebt, gelitten und gespielt hatte, stand eines Nachmittags auf dem Postplatz seiner Heimatstadt Zug. Er liess die Zigarette fallen und zertrat sie mit dem Absatz seines Cowboystiefels. Was dem Schauspieler missglückt war, hatte die Stadt geschafft: Sie war reich und gross geworden, sie hatte geboomt. Teure Wagen glitten vorüber, Leoparden verströmten Parfümgerüche, und hoch über dem Platz schwebten im Stahlkorb eines Hebekrans fremdländische Männchen, vermutlich Tamilen, und steckten einem modern gestylten Weihnachtsengel Neonröhren in die Plastikflügel. Alles war anders geworden, nur er, dachte der Schauspieler entsetzt, sei derselbe geblieben, ein Gauloise-Raucher mit langen Haaren und einem Schal, den er schon damals getragen hatte, als er ausgezogen war, um draussen in der Welt ein grosser Mann zu werden.

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