Gerter Elisabeth

Elisabeth Gerter, eigentlich Elisabeth Aegerter-Hartmann, wurde am 15. Juni 1895 als siebtes von zehn Kindern eines Landbriefträgers im sanktgallischen Gossau geboren. Nach der Schule verbrachte sie 1913 ein Jahr als Haushilfe und Kindermädchen bei Mailand, ehe sie die Schwesternschule des Roten Kreuzes in Zürich absolvierte. 1918 legte Gerter ihr Examen als freie Krankenschwester ab und arbeitete in den folgenden Jahren an verschiedenen Stationen in ihrem Beruf. 1921 ehelichte sie einen Schriftsteller und war fortan meist in der Uhrenindustrie als Hilfsarbeiterin tätig. In dieser Zeit begann Gerter ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, heiratete Elisabeth Gerter 1932 den Basler Kunstmaler und kommunistischen Parteisekretär Karl Aegerter, der ihre literarische Begabung erkannte und sie förderte. 1934 debütiert die Autorin mit dem Roman „Schwester Lisa“, einer kritischen Schilderung der Zustände im Pflegeberuf. Das Werk erregte einiges Aufsehen und bestärkte Gerter im Entschluss als freie Journalistin und Schriftstellerin tätig zu sein. Doch bereits mit ihrem zweiten Buch „Die Sticker“ über den Aufstieg und Niedergang der Stickerindustrie, in welchem sie die sozialen Misstände beim Namen nannte, fand sie keinen Verlag mehr. Die Ablehnung war zum einen sicherlich dem Inhalt des Werkes geschuldet, zum anderen fand Elisabeth Gerter wegen ihres gesellschafts- und sozialkritischen Engagements und ihrem Einsatz in der Gewerkschaftsbewegung keinen Verleger im damaligen Kulturbetrieb. So wurde der erste Industrieroman der Schweiz, wie alle späteren Werke, unter dem fiktiven Firmennamen „Rengger-Verlag Aarau“ vom Ehepaar Aegerter im Eigenverlag gedruckt und vertrieben. Elisabeth Gerter schrieb, neben ihrer Arbeit für die Preise, weiterhin zu den Themen, die als tendenziös bezeichnet wurden: Arbeitslosigkeit, Emanzipation der Frau, soziale Not und Krieg gehörten zu ihren Schwerpunkten. Die zeitlebens verkannte Autorin starb am 28.8.1955 im Diakonissenhaus in Riehen (BL). Erst in den Achtziger Jahren als die deutschsprachige Schweizer Literatur der Zwischenkriegszeit aufgearbeitet wurde, erkannte man in ihr eine der wichtigsten gesellschafts- und sozialkritischen Autorinnen der Schweiz.

Liens
www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D28313.php
www.linsmayer.ch/autoren/G/GerterElisabeth.html
www.appenzellerzeitung.ch/altdaten/tagblatt-alt/tagblattheute/at/at-fr/art824,1102711

Bibliographie :
  • Schwester Lisa. Irrwege einer Frau. Zürich: Büchergilde Gutenberg, 1934
  • Die Sticker. Aarau: Rengger-Verlag, 1938
  • Das silberne Tor. Novellenband. Zürich: Büchergilde Gutenberg, 1942
  • Der fremde Klang. Aarau: Rengger-Verlag, 1944 (erweiterte Zweitfassung von „Schwester Lisa“)
  • Die grosse Frage. Novellen. Aarau: Rengger-Verlag, 1953
  • Denn sie wissen vom Licht. Aarau: Rengger-Verlag, 1955
  • Die Segnung. Gedichte und Aphorismen. Aarau: Rengger-Verlag, 1955
  • Diina. Tiergeschichten. Aarau: Rengger-Verlag, 1957
  • Die Schicksalstür. Novellen. Aarau: Rengger-Verlag, 1957
  • Der Kreis der innern und äussern Dinge. Aarau: Rengger-Verlag, 1962

Distinctions :
  • Förderungsbeitrag durch das Eidgenössische Departement des Innern und den Staatlichen Literaturkredit von Basel-Stadt (1954)

Extrait de "Die Sticker" [S. 123]

Bevor sich die Industrie wieder erholt, hatte der Fabrikant Mettler die Liquidierung der Handstickfabrik eingeleitet. Heute machte er seinen letzten Rundgang. Nun war es Schluss mit der Fabrik. Es war auch Zeit. Er wollte den Maschinenpark los werden, bevor die Modelle nichts mehr galten. Die Handstickerei war von der Schifflistickerei nach dieser Krise nun gründlich überholt worden. Seine neue Fabrik florierte. Sie war der Zweig, der emporstrebte. Dort setzte er seine Kräfte ein. Dieser hier war abgestorben. Was der Handmaschinenstickerei noch abzuringen war, konnte guten Einzelstickern überlassen werden. Der noch mögliche Profit blieb dennoch in seinen Händen. Das Risiko der Schwankungen im Einschrumpfungsprozess trugen aber die Sticker selber. Das war für ihn die einfachste Lösung... Besser die Fabrik leer stehen lassen, als der Industrie mit einigen Sentimentalitäten belastet nachhinken...
Im Korridor öffnete er das Fenster und blieb davor stehen. – Riss auch der Rhein seine Wasser nicht mehr hart an der Fabrik vorbei, sein Tatendrang war nicht träger geworden. Er ging mit der Zeit. Die war nicht faul. Immer neue und bessere Maschinen brachte sie hervor. In der Zukunft steckten noch viele Möglichkeiten, vielleicht sogar die, dass das Menschenmaterial im Produktionsprozess einmal abgebaut werden konnte...

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