Geiser Katharina

Katharina Geiser, geb. am 11. Februar 1956 in Erlenbach am Zürichsee, studierte an der Universität Zürich Germanistik, Englische Sprache und Vorschulpädagogik. Während des Studiums und der anschliessenden Lehrtätigkeit am Gymnasium kamen ihre drei Söhne zur Welt. Heute unterrichtet sie neben ihrer Tätigkeit als freie Schriftstellerin Deutsch als Zweitsprache an multikulturellen Kindergärten. Zum zuletzt erschienenen Roman „Diese Gezeiten“ meinte die FAZ: „Selten hat eine Autorin so einfühlsam und leichthändig mit historischem Material und literarischer Imagination gespielt. [...] Eine feine, sehr präzise Ironie prägt die Sätze von Katharina Geiser, die durchlässig und offen sind für Fundstücke aller Art, für Stimmungen und die Wahrnehmung des Augenblicks.“ Katharina Geiser lebt und arbeitet in Wädenswil.

Liens
www.katharinageiser.ch
www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=17448
www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/katharina-geiser-diese-gezeiten-in-den-netzwerken-des-schmerzes-und-der-erinnerung-gefangen-11607699.html


Bibliographie :
  • Vorübergehend Wien. Roman. Wien: Zsolnay, 2006
  • ROSA IST ROSA. Kurzprosa. Zürich: Ammann, 2008
  • Diese Gezeiten. Roman. Salzburg: Jung und Jung, 2011
  • Vielfleck oder Das Glück. Roman. Salzburg: Jung und Jung, 2015

Distinctions :
  • Ehrengabe Kanton Zürich (2006) für „Vorübergehend Wien“
  • Anerkennungspreis UBS-Stiftung (2006) für „Vorübergehend Wien“
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (2007)
  • Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank (2012) für „Diese Gezeiten“

Extrait de „Diese Gezeiten“ [S. 296 f.]


Irgendwelche Neuigkeiten?
Der amerikanische Pilot soll entkommen sein.
Gut, dass wir ihn noch mit Ednas verspätetem Weihnachtskuchen gestärkt haben. Bin gespannt, ob er meine Zettel für unsere Freunde in Paris mitgenommen hat.
Und, was denkst du?
Eher nicht.
Eher schon, glaube ich. Wir sind jetzt übrigens sechs Monate im Knast.
Ein Grund zum Feiern, sagt Lucy und beginnt zu summen. Nichts anderes als ein Fluchtmittel zurück in friedliche Zeiten ist das. Als die Nacht mit uns an der Küste war. Als wir nachts im Garten mit uns waren. Und tags. Und auch viel früher. Träume, Wortspiele, Erinnerungen und Assoziationen stillen Sehnsüchte. Irgendwo beginnt die Dramaturgie. Lucy empfindet und bestimmt etwas, und immer noch zieht Suzanne mit. Mauern und Stacheldraht verschwinden, augenblicklich sind sie im Théâtre des Champs-Élysées in Paris, und das hier ist ein Gesamtkunstwerk aus Klang, Bewegung und Farbe. Die graugrünen Kostüme und das Bühnenbild stammen von Utrillo.
Plötzlich sind die Schreie der riesigen Möwen, der Mantel- oder Heringsmöwen mit den gelben stechenden Augen und dem rotfleischigen Fleck am Schnabel doch zu hören, durchdringend höhnisch klingen sie. In diesem Moment erinnern sie aber eher an das schrille Weinen eines Neugeborenen, das in dieser Welt ein Mensch werden soll.
Otto hat ein kleines rotes Apfelgesicht.
Suzanne und Lucy nicken sich zu.
Eine lächelt als Erste.
Im Graben liegt eine dünne, leicht zerknitterte Schneedecke.

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