Frey Eleonore

Die am 18. Oktober 1939 in Frauenfeld geborene Eleonore Frey gilt als eine der wichtigsten Autorinnen der heutigen Schweiz. Nach dem Studium der Germanistik und Romanistik, welches sie mit einer Habilitation abschloss, hatte Frey Lehraufträge an der Universtität Zürich inne und leitete Veranstaltungen zur deutschen Literatur (bis 1997). Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit machte sie sich einen Namen als Übersetzerin von französischer Literatur. Eleonore Frey lebt in Zürich. Freys Prosa ist durchdrungen von Rhythmik, Musikalität und Präzision. Besonders in „Schnittstellen" (1990) zeigt sie sich als virtuose Sprachspielerin. Neues Sprachverständnis bedeutet auch immer eine neue Weise der Weltsicht. So handeln ihre Bücher von der Schwierigkeit sich in einer Welt zurechtzufinden, in welcher es an eindeutigen Wahrnehmungen und Bedeutungen mangelt. Das Offensichtliche wird dabei besonders skeptisch betrachtet. Eleonore Frey geht den dornigen Weg der Querdenkerin.

Liens
ansichten.srf.ch/autoren/eleonore-frey/
www.art-tv.ch/3535-0-muster-aus-hans--eleonore-frey.html

Bibliographie :
  • Notstand. Erzählungen. Graz: Droschl, 1989
  • Schnittstellen. Erzählung. Graz: Droschl, 1990
  • Gegenstimmen. Erzählung. Graz: Droschl, 1994
  • Das Siebentagebuch. Graz: Droschl, 1996
  • Lipp geht. Erzählung. Graz: Droschl, 1998
  • Kindheit zu zweit. Zürich: Edition Howeg, 1998
  • Aus Übersee. Ein Bericht. Graz: Droschl, 2001
  • Das Haus der Ruhe. Erzählung. Graz: Droschl, 2004
  • Siebzehn Dinge. Biographie. Graz: Droschl, 2006
  • Muster aus Hans. Ein Bericht. Graz: Droschl, 2009
  • Aus der Luft gegriffen. Graz: Literaturverlag Droschl, 2011
  • Unterwegs nach Ochotsk. Basel: Urs Engeler, 2014
  • Wir wollen Bären sehen! Zürich: SJW, 2015

Distinctions :
  • Ehrengabe der Stadt Zürich (1989 / 1996 / 2001)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (1994 / 2001)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (1999)
  • Werkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (2002)
  • Schweizer Literaturpreis (2015)

Extrait de "Aus Übersee" [S. 11-12]

Meinen bald schon definitiv provisorischen Job am Art Institute verdanke ich Mary. Sie kennt mich schon seit Jahren. Länger als ich sie, was unwahrscheinlich klingt, aber doch durchaus plausibel ist, wenn man bedenkt, dass mein Leben ein Loch hat: Eine Zeit, von der ich beinahe nichts weiss. Mit Franz habe ich seinerzeit immer wieder die weissen Flecken auf der Landkarte besprochen; dass niemand je dort gewesen sei, dass niemand wisse, wie man sie ausfüllen müsse - alle möglichen Schattierungen von Blau für Meer oder Grün und Braun für die Ebenen und die Gebirge. Ob es immer noch solche Flecken gebe, fragten wir uns, oder ob man inzwischen die Erde bis in den hintersten Winkel erforscht habe; ob man vielleicht gemogelt habe beim Kartenzeichnen und es seien vielleicht gewisse Gebiete gar nicht, wofür man sie hielt, sondern es sie ein Dschungel eigentlich ein Meer, ein Meer eigentlich eine Wüste, und eine Wüste eigentlich eine vor Jahrtausenden ausgestorbene Stadt. Erst vor ein paar Tagen hat mir jemand erzählt, dass es mitten im Eis in der Antarktis trockene, felsige Täler gebe; braune Flecken im Weiss statt umgekehrt: Ob sie wachsen oder schrumpfen? Ob dort einmal etwas wachsen wird - Moos vielleicht, oder die schönen rötlichen Flechten - oder ob die Flecken bleiben, was sie sind; Stein und Staub? Das möchte ich gern wissen zwecks Vergleich und Prognose in meinen eigenen Angelegenheiten. Was ich zu erwarten habe in Sachen leere Flecken, trockene Wüsten in meiner Bekanntschaft mit mir selbst. Zur Zeit werden die Flecken bald grösser, bald kleiner; sie wandern, gehen auseinander und sammeln sich wieder: Ich möchte sie zumalen, zuschütten, zum Verschwinden bringen. Und dann wieder nicht.

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