Federspiel Jürg

Jürg Federspiel wurde am 28.6.1931 in Kempthal (Kanton Zürich) geboren. Seine Jugend verbrachte er in Domat/Ems und Davos. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Basel arbeitete Federspiel als Filmkritiker und Reporter. Er schrieb literarische Essays für mehrere grosse Schweizer Tageszeitungen. Es folgten Aufenthalte in Berlin, Frankreich, Grossbritannien und den USA. Nach der Rückkehr in die Schweiz lebte er als freier Schriftsteller in Basel, wo er im Januar 2007 aus dem Leben schied. Federspiels Geschichten sind erlebt, gefunden und imaginiert in Randzonen der Grossstadtzivilisation, und sie bewegen sich im Grenzbereich von phantastisch anmutenden Fiktionen und genau recherchierten Tatsachenberichten. Sie handeln von aussergewöhnlich-wirklichen Menschen und Ereignissen, aber auch von Engeln und andern mythischen Wesen, die das Universum bevölkern. Zwei für diesen Erzähler besonders charakteristische Kunstfiguren treiben in den tagebuchartigen New York-Reportagen ("Museum des Hasses", 1969 und "Kilroy", 1988) ihr Unwesen. Es sind dies Paratuga und Kilroy, die, hinterhältig und provokativ, als eine Art Medium funktionieren, in dessen Brechungen der ganz normale Wahnsinn des Wirklichen überdeutlich hervortritt. Berühmt geworden ist durch Federspiel (und er durch sie) die wahre Geschichte vom unschuldigen Todesengel Mary Mallon, alias Typhoid Mary, deren verführerische Kochkunst unzähligen Menschen das Leben gekostet hat ("Die Ballade von der Typhoid Mary", 1982).

Liens
ead.nb.admin.ch/html/federspiel.html
archiv.onlinereports.ch/2001/FederspielSiebzig.htm
www.spiegel.de/kultur/literatur/schweizer-schriftsteller-juerg-federspiel-ist-tot-a-468694.html
www.srf.ch/play/tv/kulturplatz/video/erinnerungen-an-juerg-federspiel--eine-hommage-mit-hansjoerg-schneider?id=d27a3697-0e10-4a48-a92f-e1cfd6d11111

Bibliographie :
  • Orangen und Tode. Erzählungen. München: Piper, 1961
  • Massaker im Mond. München: Piper, 1963
  • Der Mann, der Glück brachte. Erzählungen. München: Piper, 1966
  • Marco Polos Koffer. Gedichte. Zusammen mit Rainer Brambach. Zürich: Diogenes, 1968
  • Museum des Hasses. Tage in Manhattan. München: Piper, 1969
  • Die Märchentante. Erzählungen. München: Piper, 1971
  • Paratuga kehrt zurück. Erzählungen. Darmstadt / Neuwied: Luchterhand, 1973
  • Die beste Stadt für Blinde und andere Berichte. Zürich / Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1980
  • Die Ballade von der Typhoid Mary. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1982
  • Wahn und Müll. Bericht und Gedichte. Zürich: Limmat, 1983
  • Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Zwölf Fabeln. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1985
  • Kilroy. Stimmen in der Subway. Frauenfeld : Im Waldgut, 1988
  • Geographie der Lust. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1989
  • Eine Halbtagsstelle in Pompeji. Erzählungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1993
  • Melancolia Americana. Portraits. Zürich: Limmat, 1994
  • Plötzlich. Frauenfeld: Im Waldgut, 1994
  • Im Innern der Erde wütet das Nichts. Gedichte. Frauenfeld: Im Waldgut, 2000

Distinctions :
  • Stipendium des Staatlichen Literaturkredits Basel (1959)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1961)
  • Preis des Kulturverbandes der deutschen Industrie (1962)
  • Georg Mackensen-Preis für die beste Kurzgeschichte (1965)
  • Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis (1969)
  • Ehrengabe der Stadt Zürich (1969)
  • Werkjahr der Stadt Zürich (1979)
  • Literaturpreis der Stadt Zürich (1986)
  • Werkjahr Pro Helvetia (1986)
  • Preis der Schweiz.Schillerstiftung für das Gesamtwerk (1986)
  • Literaturpreis der Stadt Basel (1988)
  • Zolliker Kunstpreis (1989)
  • Ehrengabe der Stadt Zürich (2000)
  • mehrere Ehrengaben von Stadt und Kanton Zürich.

Extrait de "Die Ballade von der Typhoid Mary" [S. 143-144]

Vierzehn Tage später erschien Mary vor Gericht, wo sie schwor, dass sie noch nie an Typhus erkrankt sei und deshalb auch niemanden habe anstecken können. Ein Mediziner (nicht Soper, seltsamerweise) trat als Experte auf und behauptete, allen ihren Schwüren zum Trotz, es seien in ihren Fäkalien Typhus-Bazillen nachgewiesen worden, womit er zwar recht hatte, das Gericht aber dennoch, wie der junge Anwalt nachwies, gegen die Verfassung verstiess. Trotzdem, Mary musste noch für drei Jahre in ihre Isolation zurück, bis endlich das Gesundheits-Departement mit schlechtem Gewissen den Beschluss fasste, sie gleichsam auf Widerruf zu "begnadigen". Mary musste ein offizielles Versprechen abgeben, sich auf keinen Fall als Köchin zu betätigen. Auch nicht als Verkäuferin von frischen Lebensmitteln. Ausserdem habe sie die Pflicht, sich alle drei Wochen beim Gesundheits-Departement zu melden. O'Connor hatte gesiegt, Mary bedankte sich, wurde auf freien Fuss gesetzt und verschwand. Sie brach ihr Versprechen sofort, erfand immer neue Namen für sich, kochte - als Hilfsköchin - in Restaurants und Hotels, dann wieder in gehobenen Häusern. Seltsam, sie wurde nie verdächtigt. Nie. Mary blieb gesichtslos für die Öffentlichkeit. Sie war gealtert. Hie und da brachen Fälle von Thyphus aus, und die Zeitungen witzelten, und wenn jemand, der nicht besonders geliebt wurde, starb, pflegte man sich zuzuflüstern, der oder die Verblichene habe sich leider die Rühreier von der Typhoid Mary zubereiten lassen. Zeitweise geriet der wunderbare Vorname Maria in Verruf. In Feinschmecker-Restaurants galt es als Spass, jemandem die Lust am Essen zu verderben, indem man erzählte, die Köchin des Lokals heisse Mary.

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