Elsässer Lisa

Lisa Elsässer wurde am 1. Juni 1951 in Bürglen im Kanton Uri in eine kinderreiche Familie hineingeboren. Nach Abschluss der Ausbildung zur Pflegefachfrau liess sie sich auf dem zweiten Bildungsweg zur Buchhändlerin und Bibliothekarin ausbilden. Doch nicht nur das Vermitteln von Literatur war ihr ein Anliegen, das eigene Schreiben trat mehr und mehr in den Vordergrund. So besuchte sie den literarischen Lehrgang an der EB Zürich und ergriff 2005 am deutschen Literaturinstitut Leipzig ein Studium, das sie 2008 mit einem Diplom abschloss. Zuerst trat Lisa Elässer mit Gedichten an die Öffentlichkeit. Ihr intensives lyrisches Arbeiten wurde 2003 mit dem Rilke-Lyrikpreis (Sierre) und 2007 mit dem Heinz-Weder-Preis belohnt, denen 2010 der „Lyrikpreis München“ folgte. Ihre Sprache ist eine Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ironie, sie gibt alltäglichen Wörtern eine Form, die eine überraschende Mehrdeutigkeit erzeugt. Lisa Elsässers Geschichten in ihrem ersten Prosawerk „Die Finten der Liebe“ (2011) berichten von ihrer kargen Kindheit im engen Bergtal, umgeben von schroffen, schweigenden Menschen. Sie berichten von Freudlosigkeit und von Überlebensstrategien in der Einsamkeit, aber auch von unspektakulären, schrägen, innigen Liebesgeschichten. Die Autorin hat ein feines Gespür für das Unheil, das hinter vermeintlich harmlosen Tätigkeiten und Befindlichkeiten lauert und jäh hervorbrechen kann. Lisa Elsässer lebt und arbeitet heute in Waldenstadt SG.

Liens
www.srf.ch/player/radio/52-beste-buecher/audio/die-finten-der-liebe-von-lisa-elsaesser?id=351d3364-2de2-46f7-a386-67ef8aa612fc
www.nzz.ch/aktuell/startseite/tanzender-stern-1.16321309

Bibliographie :
  • OB UND DARIN. Gedichte. Erstfeld: Edition pudelundpinscher, 2008
  • Genau so sag es. Gedichte. Zürich: Wolfbach-Verlag, 2011
  • Die Finten der Liebe. Bern: Zytglogge, 2011
  • Da war doch was. Gedichte. Zürich: Wolfbach, 2013
  • Feuer ist eine seltsame Sache. Erzählungen. Zürich: Rotpunktverlag, 2013
  • Fremdgehen. Zürich: Rotpunktverlag, 2016
  • Flussbewohner. Schwellbrunn: Orte Verlag, 2017

Distinctions :
  • Kurzgeschichtenwettbewerb Liechtensteiner-Vaterland/Werdenberger Tagblatt (2002)
  • Rilke-Lyrikpreis (2003)
  • Heinz-Weder-Lyrik-Preis (2007)
  • Werkbeitrag Kanton St. Gallen (2007)
  • Förderbeitrag Zentralschweizer Literaturförderung (2008)
  • Lyrikpreis München (2010)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (2011)
  • Projektbeitrag UBS-Kulturstiftung (2011)
  • Stipendium Ledig House New York (2012)

Extrait de „Die Finten der Liebe. Prosa“ [S. 44-47]

War das Vaters Leben gewesen?
Wer war er?, fragte sie sich wieder, als sie nach dem Durchlesen der Akten auf den Friedhof ging, an sein Grab, das Foto des zurückhaltend lächelnden Mannes auf dem Grabstein und das seiner zurückhaltend lächelnden Frau, mit der er seine stets abwesende Anwesenheit geteilt hatte, betrachtete.
Vaters Arbeitsleben, ein Zahlenleben. Ein hauptsächliches Ausrechnen und irgendeinmal, nach Jahren, ein Uhrtragen und später ein Sofabesitzen, das Sofa besetzen mit der Uhr am Handgelenk, beides besitzen, und er nun auf dem geschenkten Sofa die länger schon besitzende Uhr anschauen und sich dabei ausrechnen konnte, wie viel ein fünfzigjähriges Mitarbeiterdasein wert ist: eine Uhr und eine Polstergruppe. Vater hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Er hatte zu tun.
[…]
Sie sass am Tisch, trug Vaters Uhr am Handgelenk. Die Akten vor sich auf dem Tisch. Sie versuchte, sich Vaters vierzehnjährige Hand vorzustellen, wie er die Feder langsam ins Tintenfass tunkte, seine Bewegungen dabei, seine Haltung, ja, und sie versuchte, sich sein Gesicht dabei vorzustellen, seinen Ausdruck in seinem Gesicht, ein anmutiges Gesicht, wie sie auf alten Fotos gesehen hatte. Sie fuhr sachte dem kindlich ernst geschriebenem Namen nach, diesem Lebensvertrag, der Arbeit hiess. Sie stellte sich vor, wie es gewesen wäre: diese gleiche, leise Geste, die sie auf dem Blatt nachzeichnete, einmal seinem Gesicht einzuschreiben. Zu können, was nie möglich gewesen war.

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