Bossart Jakob

Jakob Bosshart wurde am 7.8.1862 auf dem Hof Stürzikon im zürcherischen Oberembrach als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Er besuchte die Sekundarschule und liess sich ab 1878 am Seminar in Küsnacht zum Lehrer ausbilden. Nach einer längeren schulischen Tätigkeit in Deutschland studierte Bosshart französische und deutsche Philologie in Zürich. 1887 wurde der zum Dr. phil. promoviert. Jakob Bosshart kehrte in den Schuldienst zurück und war Gymnasiallehrer in Zürich und ab 1899 Rektor des Zürcher Gymnasiums, bis er 1916 krankheitshalber zurücktreten musste. Bis zu seinem Tod am 18.2.1924 lebte der Autor im Sanatorium Clavadel (bei Davos). In seinem Werk vereint Jakob Bosshart die bäuerliche Herkunft und das offene, fortschrittliche Wesen seiner Person. Besonders in seinem Roman „Ein Rufer in der Wüste“ tritt der Autor als Mahner auf und klagt die Selbstgefälligkeit an. Bosshart plädiert in diesem Zeitroman für neue Ideale in einer Gesellschaft, die materialistisches Denken dem geistigen Streben überordnet.

Bibliographie :
  • Im Nebel. Erzählungen aus den Schweizer Bergen. Leipzig: 1898
  • Das Bergdorf. Erzählung. Leipzig: 1900
  • Die Barettlitochter. Novelle. Leipzig: 1902
  • Durch Schmerzen empor. Zwei Novellen. Leipzig: 1903
  • Früh vollendet. Novellen und Skizzen. Leipzig: 1910
  • Erdschollen. Novellen und Skizzen. Leipzig: 1913
  • Träume der Wüste. Orientalische Novelleten und Märchen. Frauenfeld / Leipzig: 1918
  • Opfer. Novellen. Leipzig: 1920
  • Ein Rufer in der Wüste. Roman. Zürich / Leipzig: 1921
  • Neben der Heerstrasse. Erzählungen. Zürich / Leipzig: 1923
  • Gedichte. Zürich: 1924
  • Die Entscheidung und andere nachgelassene Erzählungen. Zürich: 1925
  • Auf der Römerstrasse. Nachgelassene Jugenderinnerungen und Erzählungen. Zürich: 1926

Distinctions :
  • Schillerpreis (1922)
  • Gottfried-Keller-Preis (1922)

Extrait de "Ein Rufer in der Wüste" [S. 120]

Man trug den Sarg hinaus. Die Verwandtschaft folgte ihm. Vor dem Hause hatten sich die Nachbarsleute eingefunden. Ferdinand in seiner Uniform mit dem wallenden weissen Rosshaarbusch zog aller Augen auf sich und beraubte den Abschied seiner schlichten Feierlichkeit. Reinhart und Walter, als die einzigen männlichen Grosskinder Abrahams, gingen gleich hinter dem Sarge. Reinharts Blicke glitten von dem langsam rollenden Wagen auf die Wiesen hinüber, die im Kleid der Herbstzeitlosen wunderbar festlich und doch traurig waren. So wollten sie von dem alten Meister Abschied nehmen. Wie hatte er sich für sie gesorgt, durch ein langes Menschenleben hin, wie hatte er sie jedes Jahr genährt, wie ein Hausvater seine Kinder, wie freudig dankbar hatte er ihren Segen hingenommen. Wer wird wieder so mit ihnen verwachsen sein wie er ? In einem Grünhag hatten Berberitzensträucher und Pfaffenkäppchen ihre Herbstfeuer entzündet, sich in ihrem schönsten Staat gekleidet, hinter dessen Scheinglut freilich wie überall der Tod lauerte.
Neben Reinhart hob ein zwar gedämpftes, aber doch munteres Geplauder an. Walter setzte dem Stadtvetter seine Zukunftspläne auseinander: Die Handelsschule, dann eine Lehre in einem grossen Importgeschäft, dann die Reise nach dem fernen Osten, nach Indochina etwa, wo mit verhältnismässig geringer Mühe viel Geld zu holen sei. „Und dann willst du wohl einmal in einem goldenen Sarg diesen Weg fahren ?“ wies ihn Reinhart zurecht.
Walter liess sich aber auf seinen Wegen nicht stören: „Nur die erste Million ist schwer zu fangen“, versicherte er, „ das habe ich in einer Lebensbeschreibung gelesen; die andern folgen der ersten wie die Schafe dem Leithammel. Man macht in den Kolonien das Geld nicht mit der Besoldung, sondern mit den Tantiemen.“ So schwatzte er.

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