Bollinger Armin

Armin Bollinger wurde am 1.11.1913 in Zürich geboren. Nach der Matura absolvierte er die Ausbildung zum Sekundarlehrer an der Universität seiner Geburtsstadt. Bollinger führte seine Studien in Rennes weiter und promovierte zum Dr.phil. Auf zahlreichen Reisen in den südamerikanischen Raum vertiefte er seine Kenntnisse der lateinamerikanischen Geschichte. Viele Jahre arbeitete Bollinger als Hochschuldozent und Institutsleiter: an der Hochschule St.Gallen und in Brasilien war er Professor für die Geschichte Lateinamerikas und während zwanzig Jahren (ab 1972) Leiter der Kulturabteilung des früheren Instituts für Lateinamerikaforschung und Entwicklungszusammenarbeit an der HSG. Zudem lehrte er Wirtschaftswissenschaften. Bollinger galt als einer der besten Kenner der indianischen Hochkulturen Lateinamerikas überhaupt. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen machte er sich auch mit Geschichten aus Südamerika einen Namen als Autor literarischer Werke. Armin Bollinger lebte in Zürich, wo er am 27. November 1995 starb.

Bibliographie :
  • Die Botschaft des Quipu. Lateinamerikanische Erzählungen. Zürich: Atlantis, 1965
  • Der Ruf des Kirima. Erzählungen aus Südamerika. Zürich: Orell Füssli, 1966
  • Spielball der Mächtigen. Geschichte Lateinamerikas. Stuttgart: W.Kohlhammer, 1972
  • Drei Körner von gelbem Mais. Neue Erzählungen aus Lateinamerika. Zürich: Buchverlag NZN, 1976
  • El Curandero. Der Wunderheiler und andere Erzählungen aus Südamerika. Wald: Im Waldgut, 1980
  • Einführung in die Welt der Indios. Geschichte, Kultur, Religion und Krankenheilung von Gross-Peru. Wald: Im Waldgut, 1981
  • Die tanzenden Krokodile. Die Geschichte Anitas und der Cocablätter. Wald: Im Waldgut, 1983
  • Die Kette des Häuptlings. Eine Geschichte aus Ecuador. Wald: Im Waldgut, 1985
  • Der Königsmantel. Grenada oder Die Stunde der Freiheit. Zwei Erzählungen. Frauenfeld: Im Waldgut, 1988
  • Indios, Indios, Indios. Gesammelte Schriften zum Wirken der Indios, zur Verfolgung der Indianer, zum Problem der indianischen Identität. Zürich: Rüegger, 1992
  • Die Rinderherden des Don Arminho. Nachgelassene Geschichten. Frauenfeld: Im Waldgut, 1996

Distinctions :
  • Ehrendipl. des Instituto Historico Fluminese Rio de Janeiro (1970)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (1983)
  • Ehrendoktor der Universidad Nacional San Antonio, Cuzco (Peru) (1983)
  • Ehrenmitglied des literarischen Clubs Zürich (1986)

Extrait de "Der Ruf des Kirima in El Curandero" [S. 8-10]

Die Lange Insel lag als weitausgedehntes Eiland mitten in dem mächtigen Fluss, dessen Wasser im „Meeresstrom“ mündeten. Igapro-Wälder bedeckten die erhöhten Teile, an die sich ausgedehnte Sümpfe anschlossen. Am Fusse der Urwaldriesen mit ihren breiten Brettwurzeln hatten die Caboclos nach Eingeborenenart eine länglich-ovale Hütte gebaut. Morgen für Morgen durchstreifte Rolf die sumpfigen Teile der Insel, um sein Wild aufzustöbern. Manches Mal glückte es ihm, einen der seltenen Waldvögel im Frühflug aufzunehmen. Immer wieder begeisterte ihn das prächtige Gefieder eines Arara oder des amazonischen Riesenhokko.
Oft schlich er auch abseits liegende Brutstätten im Schilfe an, um Gewohnheiten und Lebensweise unbekannter Arten kennenzulernen. Es gelangen ihm einmalige Aufnahmen vom Atzen der Jungvögel. Die Ausbeute war reich, seine Auftraggeber würden mit ihm zufrieden sein. Oft harrte er, hinter Büschen verborgen, viele Stunden auf den Anflug eines Vogels.
Eines Tages befand er sich am Flussufer. Er hatte die Absicht, auf einen Silberreiher anzusitzen, der auf eine Sandbank einzufallen pflegte. Vor sich hatte er den Photoapparat aufgebaut: Er wollte den Reiher aufnehmen, wenn dieser über den Sand stolzierte. Seit Stunden wartete er schon, und die drückende Luft drohte ihn einzuschläfern. Plötzlich gewahrte er in einem Kanu die nackte Gestalt eines Indianers. Dieser versuchte, mit dem kleinen Ruder das Boot aus der seitlichen Inselströmung hinauszusteuern. Eine herrliche Aufnahme bot sich dar. Ohne jede Vorsicht trat Rolf vor das Gebüsch und richtete die Kamera auf den Ruderer. Da bemerkte der Indio den weissen Mann. In höchstem Entsetzen liess er sich nach hinten fallen, und das Boot jagte, von der Strömung getrieben, an der Insel vorbei.
Wie gelähmt blieb Tarobà liegen und hielt die Augen geschlossen, ohne auf die Gefahren des Flusses zu achten. Zum erstenmal hatte er eines jener Wesen erblickt, von denen die Alten des Stammes nur mit Furcht oder Hass sprachen, und sogleich hatte er dessen überlegene Macht fühlen müssen. Unbarmherzig hatte der weisse Mann „das blitzende Auge“ auf ihn gerichtet, und Tarobà war nicht fähig gewesen, seinen Bogen zu ergreifen, um einen Pfeil abzuschiessen. Der böse Zauber hatte seinen Körper erfasst, ihn kraftlos gemacht. Erst das stärker werdende Rauschen einer Stromschnelle weckte den Indio aus seiner Betäubung. Er benötigte seine ganze Kraft, um den Einbaum in einen seitlichen Flussarm zu rudern.

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