Bernet Dominik

Dominik Bernet wurde am 29.5.1969 in Basel geboren, wo er Philosophie und Geschichte studierte. Nach dem Studienabschluss arbeitete er in verschiedenen Berufen (u.a. Restaurateur, Werbetexter, Markenprüfer) in verschiedenen Gegenden im In- und Ausland. Mit "Marmorera" legte Bernet 2006 seinen ersten Roman vor. Zum gleichnamigen Film von Markus Fischer, der 2007 in die Kinos kam, verfasste er auch das Drehbuch. Im zweiten Roman "Der grosse Durst" (2009) sind eigene Kindheitserfahrungen und Emotionen eingeflossen; die Handlung aber bleibt durchaus fiktional. Heute lebt der Autor in Zürich.

Liens
www.dominikbernet.ch

Bibliographie :
  • Marmorera. Muri: Cosmos, 2006
  • Der grosse Durst. Muri: Cosmos, 2009
  • Das Gesicht. Roman. Muri: Cosmos, 2012

Distinctions :
  • Werkbeitrag Kanton Zürich (2007)

Extrait de "Der grosse Durst" [S. 115]

Mutter hatte den Anruf vom Kantonsspital erwartet. Vater fehlte wieder einmal. Sie war bis um elf aufgeblieben, hatte nochmals einen Blick in sein Zimmer geworfen. Vielleicht lag er hinterm Bett, es wäre nicht das erste Mal gewesen. Dann hatte sie sich schlafen gelegt. Am nächsten Morgen war Vaters Bett noch immer unberührt. Da hatte Mutter gewusst, dass spätestens nach dem ersten Kaffee das Telefon klingeln würde.
Seit Jahrzehnten fürchtete sie sich vor dem letzten Anruf vom Kantonsspital. Vater sei am frühen Morgen schwer alkoholisiert auf dem Trottoir gefunden worden, würde die Stimme am andern Ende der Leitung sagen. Er sei seinen Verletzungen erlegen. Keine Überraschung, lediglich das Ende einer lebenslangen Routine. Mutter war trotzdem nicht bereit. Sie musste Vater noch vieles sagen, wenn sie den richtigen Moment dazu fände. Auch nach bald vierzig Jahren Ehe glaubte sie an diesen Moment. Sie glaubte an diesen Mann. Auch wenn er nicht mehr der war, den sie geheiratet hatte.
Sie hatte mit Vater auch eine Chance auf ein besseres Leben geheiratet. Auf ein Leben jenseits materieller Entbehrungen, auf ein grundsolides Familienleben in einer grundsoliden Stadt eines grundsoliden Lands. Dieser Chance blieb meine Mutter treu. Sie glaubte an ein glückliches Ende. Umso erleichterter war sie, als das Telefon klingelte und sie erfuhr, dass Vater die eine Hälfte der vergangenen Nacht besinnungslos betrunken auf einem Stück Asphalt, die andere auf der Intensivstation verbracht hatte. Vorläufige Diagnose: eine gebrochene Zehe.

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