Baur Margrit

Margrit Baur wurde am 9.10.1937 in Adliswil geboren. Im Anschluss an das Lehrerseminar besuchte sie eine Schauspielschule in Wien, wo sie nach der Ausbildung auch einige Jahre an Kleintheatern auftrat. Seit der Rückkehr in die Schweiz und der Aufnahme ihrer schriftstellerischen Tätigkeit übte sie verschiedene Berufe aus. Baur lebt heute in Zürich. Ihre Erfahrungen in der Arbeitswelt thematisierte sie in "Überleben. Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage" (1981) und in "Ausfallzeit" (1983). Frauen zwischen Beruf und Privatleben sprechen in karger Sprache von der Mühe, tristen Alltag zu ertragen und der Verbitterung zu widerstehen, die durch Krankheit, Scheidung und den Tod naher Menschen ausgelöst wird. In "Geschichtenflucht" (1988) wird das Nachdenken über die Sprache zum Nachdenken über das Erzählen. Zwei Paare, ein junges und ein altes, erzählen sich ihre Geschichten; Geschichten, die man ihnen einmal berichtet, Geschichten von Geschichten. Sie füllen die Angst vor dem Alleinsein, vor dem Zusammensein, vor dem Tod, vor der Endgültigkeit des Lebens, vor der eigenen Sprachlosigkeit. Immer aber entdecken sie sich wieder, irgendwo zwischen den Sätzen des Berichteten.

Bibliographie :
  • Von Strassen, Plätzen und ferneren Umständen / Die einfachen Sätze und was sonst noch zu sagen ist / Eine fort- und fortlaufende Geschichte. 3 Romane. Einsiedeln / Zürich / Köln: Benziger, 1971
  • Zum Beispiel irgendwie. Basel: Edition ProThese, 1977
  • Überleben. Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage. Zürich / Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1981
  • Ausfallzeit. Eine Erzählung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1983
  • Geschichtenflucht. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988
  • Alle Herrlichkeit. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1993

Distinctions :
  • Anerkennungsgabe der Stadt Zürich (1971)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1981)
  • Ehrengabe der Stadt Zürich (1981)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (1983)
  • Buchpreis des Kantons Bern (1984)
  • Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank (1993)

Extrait de "Alle Herrlichkeit" [S. 194]

Ein Schiff legt ab, die Möwen hinterher. Der See ist grau, und der Himmel auch. Sie hat nicht gewusst, dass im Winter Schiffe fahren. Ein kleines Schiff, SCHWALBE hat man die früher genannt. Essbares ist da bestimmt nichts drauf - was zieht die Möwen mit? Kehren schon um, schreiben ihre ungestümen Zeichen in die Gräue, schreien. Aufbegehrende, rechthaberische Schreie, die den Verkehrslärm durchlöchern. Ob sie wie eine Touristin aussieht? Der Koffer ist leer, sie hat den Plattenspieler zur Reparatur gebracht. Dabei könnte sie jetzt im Wallis sein, an der Sonne. Sie hat das Hotelzimmer wieder abbestellt, wozu wegfahren. Zurückfinden will sie, sich mit Freunden treffen (falls sie noch Freunde sind), reden und Antwort bekommen. Spazierengehen kann sie hier auch. Wieder einmal lesen. Nochmals an Land gehen mit dem Doktor Reis, um ihn endlich sterben zu lassen. Und saubermachen wird sie, Geschirr waschen, aufräumen. Um die Läden zu öffnen, hat sie wieder den Hammer gebraucht.

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