Balzli Ernst

Ernst Balzli wurde am 10. April 1902 in Bolligen BE als Sohn eines Giessereiarbeiters geboren. Nach der Lehrerausbildung im Seminar Muristalden unterrichtete er von 1922 bis 1946 in Grafenried. Anschliessend war er Programmbearbeiter bei Radio Bern. Ab 1946 wurde Balzli mit seinen Mundarthörspielen von Werken Gotthelfs bekannt und sehr beliebt. Das Gotthelf-Jahr 1954 brachte das jähe Ende dieser Arbeit, nachdem der Literaturwissenschaftler Walter Muschg (1898-1965) heftige Kritik an diesen «Gotthelf-Verballhornungen» geübt hatte. Balzli kehrte für weitere Jahre in den Schuldienst zurück. Am 3. Januar 1959 verstarb er in Bolligen. Neben den genannten Bearbeitungen schrieb Balzli Jugendbücher, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke. Im Laufe der Jahre schrieb er immer mehr in seiner Berner Mundart, in der er sich am überzeugtesten ausdrückte. Seine Erzählungen stehen immer in Beziehung zum Lehrerberuf oder zum Schulbetrieb. Seine Stücke für die örtliche Liebhaberbühne knüpfen in der Thematik und im Tonfall an Gotthelf an. Seine Erzählungen und Gedichte wurden nach seinem Tod in je einem Sammelband veröffentlicht.

Bibliographie :
  • Dr Schatte: berndeutsches Schauspiel. Aarau: Sauerländer, 1927
  • Meine Buben. Aarau: Sauerländer, 1927
  • Von Blondzöpfchen und Krausköpfchen: Geschichten aus der Schulstube. Aarau: Sauerländer, 1929
  • Burebrot: es Gschichtebüechli. Aarau: Sauerländer, 1931
  • Hanni Steiner: die Geschichte einer Prüfung. Aarau: Sauerländer,1938
  • Blick uf d’Wält: Gedicht us Ärnscht Balzlis Schribtisch. Bern: Scherz, 1959
  • Bärnerchoscht: syner schönschte Gschichte (2 Bde.). Ostermundigen: Viktoria-Verlag, 1975/76
  • Meiebluescht: syner schönschte Gedicht. Ostermundigen: Viktoria-Verlag, 1979
  • Der Mittelstürmer. Die Erbschaft (2 Erzählungen). Zürich: Schweizer. Jugendschriftenwerk, 1961

Distinctions :
  • 1. Preis im Gfeller-Rindlisbacher-Wettbewerb (1943)
  • Literaturpreis der Stadt Bern (1943, 1954)
  • Ehrengabe der Schweizerischen Schillerstiftung (1942)

Extrait de Hunger

In der Fensterreihe sitzt an der hintersten Bank der Köbeli Schumacher. Ganz allein. Es will kein anderer Bub neben ihm sitzen. Sie sagen’s ganz offen heraus, dass er Läuse habe und immer dreckig sei. Und sie hätten keine Lust, sich von ihm anstecken zu lassen.
Es ist leider bittere Wahrheit, dass der Köbeli Schumacher Läuse hat. Es ist auch wahr, dass er nicht immer ganz sauber ist. Seine Holzschuhe starren oft von gelbem, nassem Lehm, die Hosenränder sind manchmal dick verkrustet, und unter den Fingernägeln hat der Bub oft breite, schwarze Ränder.
Gestern ist er in der Rechnungsstunde eingeschlafen. Ganz langsam und unmerklich nickte er ein; sein kleiner, müder Kopf sank immer tiefer und lag schliesslich auf dem harten Pultdeckel. Der Bub hatte nicht einmal einen Arm untergelegt.
Die andern sahen es bald. Sie stiessen einander an. Da und dort zuckte ein Lachen auf, ein böses Raunen und Zischen. Da fuhr ich die Lacher an, mit kaum unterdrücktem Zorn, und sie duckten sich und wurden ganz still. Das Fensterlicht fiel scharf, fast grell in das magere, schlafende Bubengesicht. Die schmale Stirn und die hohlen Backen schimmerten noch bleicher als sonst. Eine wirre Haarsträhne fiel über die blaugrauen Augenlider. Der zuckende Mund war nur ein blasser Spalt, durch den ein paar schlechte, schwarze Zähne schimmerten.
«Er ist müde», sagte ich halblaut zu den Buben. Einige nickten leise und scheu. Wir weckten ihn nicht. –
Seine Mutter ist irgendwo in einer Anstalt versorgt. Ich weiss ihr Leiden nicht. Der Vater ist ein Säufer. Nie bekommt er genug. Am liebsten Schnaps – dann prügelt er den Buben. Wenn er nüchtern ist, so kann er mit ihm lieb und fast zärtlich sein.

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