Amann Jürg

Jürg Amann (1947-2013) wurde am 2. Juli 1947 als Sohn eines Buchdruckers und Lyrikers in Winterthur geboren. Er studierte Germanistik, Europäische Volksliteratur und Publizistik in Zürich und Berlin. Von 1974-1976 war er als Dramaturg am Schauspielhaus in Zürich tätig. Als erste literarische Arbeit erschien denn auch 1975 Jürg Amanns Theaterstück "Das Fenster". Ferner arbeitete Amann als Literaturkritiker beim "Tages-Anzeiger" und beim Schweizer Radio. Seit 1976 war er als freier Schriftsteller tätig und schuf ein umfangreiches Oeuvre, das Prosa, Lyrik, Essays, Theaterstücke und Hörspiele umfasst. Am 5. Mai 2013 ist Jürg Amann nach langer, schwerer Krankheit in Zürich verstorben. Von Anfang an setzte sich Amann neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch auf anderen Ebenen mit Literatur auseinander. So schloss er das Germanistikstudium mit einer Doktorarbeit über Franz Kafka ab, dessen Werk er auch wesentliche Impulse zur eigenen schriftstellerischen Arbeit verdankte. Mit der Erzählung "Rondo" (in: "Baumschule", 1982), für die er 1982 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, schaffte er den literarischen Durchbruch."Franz Kafka" (Essay, 1974) sowie "Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser" (Prosa, 1979) stehen neben anderen frühen Werken Amanns unter dem Zeichen der Auseinandersetzung mit der Frage um das Verhältnis von Kunst und Leben. Jürg Amanns Figuren sind primär Künstler ohne festen Halt in der Wirklichkeit und unfähig, menschliche Beziehungen einzugehen.In späteren Texten, so in den drei Theaterstücken "Nach dem Fest" (1988) oder im Prosaband "Tod Weidigs" (1989), wird das isolierte Künstlerdasein vermehrt zugunsten eines umfassenderen und engagierten Lebensverständnisses aufgegeben.

Liens
www.srf.ch/kultur/literatur/analyst-des-trostlosen-autor-juerg-amann-ist-gestorben

Bibliographie :
  • Das Fenster. (Theater. Uraufführung: Zürich, 1975)
  • Das Ende von Venedig. (Theater. Ua.: Zürich, 1976)
  • Der Traum des Seiltänzers vom freien Fall. (Theater.Ua.: Zürich, 1978)
  • Hardenberg. Romantische Erzählungen nach dem Nachlass des Novalis. Aarau: Sauerländer, 1978
  • Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser. Aarau: Sauerländer, 1978
  • Die Kunst des wirkungsvollen Abgangs. Erzählungen. Aarau: Sauerländer, 1979
  • Die Korrektur. (Theater. Ua.: Zürich, 1980)
  • Die Baumschule. Berichte aus dem Réduit. München: Piper, 1982
  • Die deutsche Nacht: (Theater. Ua.: St. Gallen, 1982)
  • Nachgerufen. Elf Monologe und eine Novelle. München: Piper, 1983
  • Franz Kafka. Eine Studie über den Künstler. Essay. München: Piper, 1983
  • Büchners Lenz. (Theater. Ua.: Darmstadt, 1984)
  • Patagonien. Erzählungen. München: Piper, 1985
  • Robert Walser. Auf der Suche nach einem verlorenen Sohn. Essay. München: Piper, 1985
  • Ach, diese Wege sind sehr dunkel. Drei Stücke. München: Piper, 1985
  • Fort. Eine Brieferzählung. München: Piper, 1987
  • Nach dem Fest. Drei Stücke. München: Piper, 1988
  • Tod Weidigs. Acht Erzählungen. München: Piper,1989
  • Der Rücktritt. Eine nationale Tragödie (Farce in drei Bildern). Zelg-Wolfhalden (Wirtschaft Kreuz): Orte, 1989
  • Der Vater der Mutter und der Vater des Vaters. Zwei Erzählungen. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1990
  • Der Anfang der Angst. Aus einer glücklichen Kindheit. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1991
  • Zwei oder drei Dinge. Novelle. Innsbruck: Haymon, 1993
  • Verirren oder das plötzliche Schreiben des Robert Walser. Zürich: Arche, 1993
  • Über die Jahre. Roman. Innsbruck: Haymon, 1994
  • Und über die Liebe wäre wieder zu sprechen. Gedichte. Innsbruck: Haymon, 1994
  • Robert Walser. Eine literarische Biographie in Texten und Bildern. Zürich / Hamburg: Arche, 1995
  • Rondo und andere Erzählungen. Zürich / Hamburg: Arche, 1996
  • Schöne Aussicht. Prosa. Innsbruck: Haymon, 1997
  • Iphigenie oder Operation Meereswind. Tragödie. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1998
  • Ikarus. Roman. Zürich / Hamburg: Arche, 1998
  • Golomir. Roman. Ort: Bibliothek d. Provinz, 1999
  • Kafka. Wort-Bild-Essay. Innsbruck: Haymon, 2000
  • Am Ufer des Flusses. Erzählung. Innsbruck: Haymon, 2001
  • Kein Weg nach Rom. Ein Reisebuch. Mit Fotografien von A.T. Schaefer. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 2002
  • Mutter töten. Innsbruck: Haymon, 2003
  • Zimmer zum Hof. Erzählungen. Innsbruck: Haymon, 2006
  • Pekinger Passion. Kriminalnovelle. Zürich: Arche, 2008
  • Nichtsangst. Fragmente auf Tod und Leben. Innsbruck: Haymon, 2008
  • Die kalabrische Hochzeit. Zürich: Arche, 2009
  • Das Märchen von der Welt. Bilderbuch (mit Text nach Georg Büchner). Zürich: NordSüd-Verlag, 2010
  • Die Reise zum Horizont. Novelle. Innsbruck: Haymon, 2010
  • Das Märchen von der Welt. Kinderbuch. Illustrationen: Käthi Bhend. Zürich: NordSüd Verlag, 2010
  • Der Kommandant. Monolog. Zürich: Arche, 2011
  • Die Briefe der Puppe. Zürich: Nimbus Verlag, 2011
  • Letzte Lieben. Zürich: Arche, 2011
  • Mit grossem Krach. Vom Reimen auf Biegen und Brechen. Bilderbuch mit Ill. von Helga Gebert. Zürich: NordSüd, 2012
  • Wohin denn wir. Roman. Innsbruck/Wien: Haymon, 2012
  • Ein Lied vom Sein und Schein. Wädenswil: Nimbus, 2012
  • Vater, warum hast du mich verlassen. Die Autobiografie Jesu Christi. Zürich: Arche, 2013
  • Die Erste Welt. Wädenswil: Nimbus Verlag, 2013
  • Leonce und Lena. Textbearbeitung nach Georg Büchners Lustspiel, mit Bildern von Lisbeth Zwerger. Zürich: NordSüd, 2013
  • Lebenslang Vogelzug. Gedichte. Innsbruck: Haymon, 2014

Distinctions :
  • Werkjahr Kanton Zürich (1978)
  • Ingeborg-Bachmann-Preis (1982)
  • Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis (1983)
  • Rotary-Preis Meilen (1984)
  • Werkjahr der Stadt Zürich (1986)
  • Preis der Schweizer Schillerstiftung (1989)
  • Kunstpreis der Stadt Winterthur (1989)
  • Preis des Internationalen Hörspielzentrums (1998 / 1999 / 2000)
  • Einzelwerkpreis Schweiz. Schillerstiftung (2001) ; Werkbeitrag des Kantons Zürich (2001)
  • verschiedene Werkjahre Stadt und Kanton Zürich, Pro Helvetia und Kulturstiftung Landis & Gyr.

Extrait de "Ikarus" [S. 25-26]

Da mich die Narrenflugkappe nur nachts im Traum zum Fliegen befähigte, musste ich mich im Wachzustand und für den Tagesgebrauch auf andere Mittel besinnen. Eine Zugsalbe schien mir geeignet, die auf der Basis der Osmose durch eine halbdurchlässige Membran, auf diese aufgetragen, alles, was dünnflüssiger war als sie selbst, durch diese Membran hindurch zu sich hinaufzog. Das hatte ich in der Schule gelernt. Tigersalbe hiess die fragliche Salbe, unter diesem Namen bekam man sie in der Apotheke in unserem Dorf. [...] Die Membran, unter der das Wasser und das heisst also der Mensch war, war die Haut. Ich zog mich nackt aus, legte mich unter freiem Himmel hinter dem Haus rücklings auf den Boden, schmierte mich auf der oberen Seite vom Scheitel bis zur Sohle faustdick mit der schwarzen, übelriechenden Salbe ein und wartete auf meine wundersame Levitation, wie sie auf der Packungsbeilage beschrieben war, auf den Augenblick also, in dem die Osmose in Gang kommen und das Wasser unter meiner Haut, also mehr oder weniger, approximativ, ich selbst, von der Zugsalbe aus meiner Haut heraus in die Höhe gezogen würde.

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