Zschokke Johann Heinrich Daniel

Johann Heinrich Daniel Zschokke (22. März 1771-27. Juni 1848) wurde in Magdeburg als Sohn eines Altmeisters der Tuchmacherinnung geboren. Nach dem frühen Tod der Eltern wuchs er bei Verwandten auf. 1788 schloss er sich einer Theatertruppe an, für die er Stücke überarbeitete. Nach der Maturitätsprüfung studierte er ab 1790 Theologie an der Universität Frankfurt (Oder), hörte aber auch juristische und philosophische Collegien. Nach der Promotion war er als Privatdozent tätig. 1795 und 1796 reiste er durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz, wo er sich schliesslich niederliess. Er leitete die Erziehungsanstalt in Reichenau im Kanton Graubünden, arbeitete an der Verbesserung des Schulwesens und wurde zunehmend politisch aktiv. Nachdem die Franzosen im März 1798 die Schweiz erobert und die Helvetische Republik ausgerufen hatten, unterstützte Zschokke diejenigen, die einen Anschluss Graubündens an den neuen Staat forderten. Nach dem negativen Ausgang der Abstimmung floh er und liess sich in Aarau nieder. 1804, nach der Napoleonischen Mediationsacte (1803), erhielt Zschokke die eidgenössische Staatsbürgerschaft und wurde zum Oberforst- und Bergrat ernannt, was seinem naturwissenschaftlichen Interesse entgegenkam. 1815 wurde Zschokke in den Grossen Rat (Kantonsparlament) des Kantons Aargau gewählt. Als Mitglied und später Präsident der Helvetischen Gesellschaft setzte er sich offen für eine Reform der Schweiz in liberalem Sinne ein. 1833 wurde Zschokke aargauischer Abgesandter an der Tagsatzung und setzte sich für die Bildung eines modernen Bundesstaates ein. 1843 zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück und starb am 27. Juni 1848 in Aarau. Zschokke war zu seiner Zeit einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller. Zuerst verfasste er Romane und Schauspiele im Stile einer Räuber- und Schauerromantik (z.B. "Abällino der grosse Bandit", 1793). Später schrieb er moralische Erzählungen mit aufklärerischer Tendenz. Seine Novellen (z.B. "Das Goldmacherdorf") waren beim Publikum sehr beliebt, ebenso sein Erbauungsbuch "Die Stunden der Andacht". Zudem machte er sich verdient durch Forschungen zur älteren Schweizer Geschichte. Mit der Herausgabe von mehreren Zeitschriften (u.a. dem "Aufrichtigen und wohlerfahrenen Schweizerboten") bemühte er sich gemeinsam mit Pestalozzi und anderen um die politische Volksaufklärung.

Links
www.deutsche-biographie.de/sfz14873.html
www.ag.ch/de/bks/kultur/archiv_bibliothek/kantonsbibliothek/sammlungen/zschokke/zschokke.jsp
www.aargauerzeitung.ch/aargau/kanton-aargau/heinrich-zschokke-schriftsteller-staatsmann-volksfreund-126286254

Werke:
  • Der Schriftstellerteufel. Original-Lesebuch für unglückliche Autoren (1791)
  • Abällino der grosse Bandit. Roman (1793)
  • Abällino der grosse Bandit. Drama (1795)
  • Meine Wallfahrt nach Paris (1796/97)
  • Historische Skizzen der drei ewigen Bünde im hohen Rhaetien (1798)
  • Hypolit und Roswida. Schauspiel (1803)
  • Die eiserne Larve. Trauerspiel (1804)
  • Der Sicilianer (nach Molière, 1805)
  • Tarfüffe in Deutschland (nach Molière, 1806)
  • Peter Rothbart (nach Molière, 1806)
  • Die sympathetische Kur (nach Molière, 1806)
  • Der schweizerische Gebürgs-Förster (1806)
  • Der Adelsüchtige (1807)
  • Julius von Sassen. Trauerspiel (1809)
  • Stunden der Andacht (1809-1816)
  • Der Unbegreifliche (1810)
  • Die Walpurgisnacht. Erzählung (1812)
  • Der Baierischen Geschichte erstes bis sechstes Buch (1813-1818)
  • Hans Dampf in allen Gassen. Erzählung (1814)
  • Alamontade der Galeeren-Sklav (1816)
  • Das Goldmacherdorf. Novelle (1817)
  • Das Abenteuer in der Neujahrsnacht. Erzählung (1818)
  • Andachtsbuch für die erwachsene Jugend (1820)
  • Der Flüchtling im Jura. Roman (1822)
  • Ein Narr des 19. Jahrhunderts (1822)
  • Des Schweizerlands Geschichte für das Schweizer Volk (1822)
  • Chrysaores, der Peloponnesier. Bruchstück aus dem Griechischen (1823)
  • Der Freihof von Aarau. Historischer Roman (1823)
  • Addrich im Moos. Historischer Roman (1825)
  • Der todte Gast. Erzählung (1829)
  • Aus dem Leben Ludwig Philipp's jetzigen Herzogs von Orleans (1830)
  • Von den gegenwärtigen politischen Bewegungen in der Schweiz (1831)
  • Erzählungen im Nebel (1831)
  • Der Pflanzer in Cuba (1832)
  • Volksbildung ist Volksbefreiung! Rede (1836)
  • Die Branntweinpest (1837)
  • Die klassischen Stellen der Schweiz (1842)
  • Eine Selbstschau. Autobiographie (1842)
  • Der evangelische Katholizismus (1844)
  • Pandora. Brief an einen jungen Fürsten (1844)
  • Die Rose von Disentis. Roman (1844)
  • Meister Jordan, oder Handwerk hat goldenen Boden (1845)
  • Ein Bild aus dem häuslichen Leben (1846)
  • Die Vorbedeutung. Ein Bild aus dem häuslichen Leben (1847)
  • Feldblumen. 17 Gedichte (1848)

Textausschnitt aus "Das Goldmacherdorf" [Kapitel 13]

13. Der Goldmacher-Bund
Oswald wunderte sich nicht wenig, wie von nun an bald Dieser, bald Jener zu ihm kam, heimlich mit ihm reden wollte, und dann mit der gottlosen Sprache herausrückte und sagte: "Oswald, du kannst Gold machen, das ganze Dorf weiss es. Lehre mich es auch. Du verstehst die schwarze Kunst. Wenn der Teufel erscheint, ich will mich gar nicht fürchten. Wenn er die Unterschrift mit meinem Blute verlangt, ich will mich ihm mit Leib und Seele zuschreiben. Siehst du, es thut mir Noth, sonst thät ich's nicht."

Lange wusste Oswald nicht, was er zu der Verderbtheit dieser Menschen sagen sollte. Da ihrer endlich aber immer mehr kamen, und nicht mit Bitten nachliessen, beschied er sie alle, doch jeden einzeln, auf eine und dieselbe Mitternachtsstunde zu sich.

Und alle kamen in der finstern Nacht, die er ihnen angesagt, zu seinem Hause geschlichen, sobald es im Thurm der Dorfkirche eilf Uhr geschlagen. Er führte Jeden, wie er ankam, schweigend in eine finstere Stube. Es waren ihrer zweiunddreissig Hausväter. Jeder erschrak entsetzlich, wenn er in der Dunkelheit an den Andern stiess und etwas Lebendiges neben sich spürte. Denn Keiner wusste von den Uebrigen. Vielen floss der Angstschweiss vom Gesicht, und einige hatten so grosse Furcht, dass sie wieder davon gelaufen waren. Aber sie zitterten, es könne ihnen dann das Lebenslicht ausgeblasen werden.

So standen sie eine Stunde in tiefer Stille und Angst, und wagten kaum, zu athmen. Da schlug's im Thurm zwölf Uhr. Und mit dem letzten Glockenschlage ging abermals die Thüre auf. Es trat ein Offizier herein, prächtig gekleidet mit hohem Federbusch und langem Säbel, auf der Brust einen Orden. Der trug in den Händen zwei brennende Kerzen; die setzte er vor ihnen auf den Tisch. Als nun Alle sich einander erkannten, schämten sie sich erst vor einander; denn sie merkten, daß sie Alle aus gleicher Absicht gekommen wären. Und sie sahen wieder auf den glänzenden Offizier, den sie für den bösen Geist hielten; aber sie erkannten in ihm den leibhaftigen Oswald.

Oswald hatte ein ernstvolles Gesicht und sprach: "Sehet mich nur an, ihr Unglücklichen; nun erkennet ihr, wer ich bin. Ich treibe keine schwarze Kunst; ich halte es mit Gott. Ihr aber seid längst von Gott abgefallen; ihr habet gesoffen und geschwelgt; ihr habet betrogen und gelogen; ihr habet gestohlen und verrathen; ihr habet gespielt und Weib und Kind vergessen; ihr habet Teufelei getrieben und Teufelswerk. Darum seid ihr arm und verzweifelt geworden. Ehrlichkeit aber währt am längsten; Gottesfurcht macht reich. In Gottes Wegen ist Gottes Segen. Ich will nicht reich sein, aber ich bin nicht arm. Wollt ihr's nun haben, wie ich, so machet es wie ich."

So sprach Oswald, und zog einen grossen Beutel hervor und leerte ihn auf den Tisch aus. Da fielen klingend eitel schöne Goldmünzen auf den Tisch, und rollten umher und verblendeten die Augen. Die Bauern hatten in ihrem Leben so viel Gold nicht beisammen erblickt. Ihre Herzen schlugen gewaltig.

Oswald aber that den Mund auf und sprach: "Wahrlich, ich sage euch, das hier macht mich nicht glücklich, aber die Weisheit macht glücklich, mit der man dies Geld erwirbt und benutzt. Ihr seid zu mir gekommen, ich sollte euch die Kunst lehren, Gold zu machen. Ich will euch diese Kunst lehren. Sie ist die beste Weisheit des Lebens, und mehr als das Gold selbst werth. Habet ihr die Weisheit, so werdet ihr das Gold haben und es nicht mehr hochachten. Aber ihr kommet nicht zu dem Glücke, ohne vorher geprüft worden zu sein. Und die Zeit der Prüfung währt sieben Jahre und sieben Wochen. Wer ausharrt bis ans Ende, wird Freuden über Freuden ärnten. Wahrlich, ich sage euch, wenn diese Zeit erfüllt ist, wird Jeder von euch mehr Gold auf seinen Tisch werfen, als eure Augen hier sehen. – Die Prüfung aber ist dem Gottlosen schwer und dem Sünder hart. Denn er muss sein ganzes Herz umkehren und ein neuer Mensch werden."

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