Wyss Laure

Laure Wyss wurde am 20.6.1913 in Biel geboren. Sie studierte in Paris, Berlin und Zürich Philologie und schloss mit dem Lehrerinnenpatent ab. Die Kriegsjahre 1939-1945 verbrachte sie in Schweden, wo sie für einen Schweizer Verlag Widerstandsdokumente aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen übersetzte. In die Schweiz zurückgekehrt, arbeitete sie als freie Journalistin und war alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Neun Jahre war sie anschliessend für das Fernsehen tätig. Danach war Wyss Redaktorin einer grossen Tageszeitung. Die Autorin war Mitbegründerin des "Tages Anzeiger-Magazins", welches erstmals 1970 erschien. Seit der Pensionierung wirkte sie als freie Schriftstellerin und Gerichtsberichterstatterin. Laure Wyss starb am 21.8 2002 in Zürich. Zwischen journalistischer und literarischer Arbeit macht Laure Wyss keinen Unterschied. Als Schriftstellerin holt sie lediglich nach, was sie als Journalistin vernachlässigen muss: die Aufmerksamkeit für das, was ihr durch die Beschäftigung mit anderen am eigenen Leben begreiflich wird. Die Freundschaft mit einer jungen Gefangenen nimmt sie zum Anlass, sich der eigenen Mauern bewusst zu werden ("Liebe Livia", 1985); die Stationen einer Reise werden Rahmen für eine Selbstbefragung. Den Ausdruck Emanzipation meidet sie; stattdessen gibt sie sich darüber Rechenschaft, wo sich ihre Protagonistin, A genannt, Mutter, alleinstehend, berufstätig, durch falsche Hoffnungen und falsche Scham unnötig belastet habe ("Mutters Geburtstag", 1978). Älter geworden, führt die Autorin uns vor, dass zur Freiheit nicht nur Mut gehört, sondern auch die Fähigkeit einzugestehen, wo wir hilflos sind.

Links
www.laurewyss.ch/
www.nzz.ch/journalistin-mit-leidenschaft-1.18102144
www.srf.ch/news/regional/bern-freiburg-wallis/laure-wyss-leidenschaften-einer-unangepassten
www.youtube.com/watch?v=Uq2mKmcCFxg
www.zeit.de/2013/25/laure-wyss
ead.nb.admin.ch/html/wyss.html

Werke:
  • Frauen erzählen ihr Leben. 14 Protokolle. Frauenfeld: Huber, 1976
  • Mutters Geburtstag. Notizen zu einer Reise und Nachdenken über A. Ein Bericht. Frauenfeld: Huber, 1978
  • Ein schwebendes Verfahren. Mutmassungen über die Hintergründe einer Familientragödie. München: Kindler, 1981
  • An einem Ort muss man anfangen. Frauen-Protokolle aus der Schweiz. Darmstadt: Luchterhand, 1981 (= Sammlung Luchterhand 355)
  • Das rote Haus. Frauenfeld: Huber, 1982
  • Tag der Verlorenheit. Erzählungen. Frauenfeld: Huber, 1984
  • Liebe Livia. Veras Tagebuch von Januar bis Dezember. Zürich: Limmat, 1985
  • Was wir nicht sehen wollen, sehen wir nicht. Journalistische Texte. Hrsg. von Elisabeth Fröhlich. Zürich: Limmat, 1987
  • Das blaue Kleid und andere Geschichten. Zürich: Limmat, 1989
  • Lascar. Zürich: Limmat, 1994
  • Weggehen ehe das Meer zufriert. Fragmente zu Königin Christina von Schweden. Zürich: Limmat, 1994
  • Briefe nach Feuerland. Wahrnehmungen zur Schweiz in Europa. Zürich: Limmat, 1997
  • Rascal. Zürich: Limmat, 1999
  • Schuhwerk im Kopf und andere Geschichten. Zürich: Limmat, 2000
  • Protokoll einer Stunde über das Alter. Moritz Leuenberger im Gespräch mit Laure Wyss. Zürich: Limmat, 2002
  • Wahrnehmungen. Zürich: Limmat, 2003

Auszeichnungen:
  • Förderpreis der Stadt Zürich (1973)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (1974)
  • Ehrengabe der Stadt Zürich (1978)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1982 / 1998)
  • Förderbeitrag Pro Helvetia (1983)
  • Bernischer Literaturpreis (1985)
  • Werkjahr der Stadt Zürich (1987)
  • Dr.-A.-Binet-Fendt-Preis, EDI (1991)
  • Premio Mediterraneo (1992)
  • Max Frisch-Werkjahr (1993)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (1994)
  • Grosser Literaturpreis des Kantons Bern (1998)
  • Ehrengabe der Stadt Zürich (1999)
  • Goldene Ehrenmedaille des Regierungsrates des Kantons Zürich (2000)
  • Werkbeitrag des Kantons Zürich (2001)

Textausschnitt aus "Weggehen ehe das Meer zufriert" [S.150]

Christina Vasa hat nie etwas dem Zufall überlassen, sich auch nie den am Hofe üblichen Konventionen gebeugt. Und später in Rom und auf ihren Reisen durch Europa hat sie sich keinen Deut um die Übereinkommen der Gesellschaft, zu der sie rangmässig gehörte, gekümmert. Sie kleidete sich so, wie es ihr passte, und erregte Missfallen, sie wählte dezidiert die Menschen aus, denen sie begegnen wollte. Als sehr junge Königin berief sie diejenigen Gelehrten an ihren Hof, von denen sie lernen, mit denen sie diskutieren wollte, und sie suchte sich auch entschieden Frauen aus, die sie interessierten.
So wollte sie auf ihrer ersten grossen Wegreise aus Schweden in den Niederlanden mit der Gelehrten Anna van Schurman reden, sie wollte auf einer Frankreichreise die Kurtisane Ninon de Lenclos treffen, weil sie sie als freien Geist bewunderte, sie wollte, als junge Frau im Stockholmer Schloss, ihre Kammerfrau Ebba Sparre um sich haben, aus Freude, vielleicht zum Amüsement, beides Dinge, mit denen ihr junges strenges Leben ihr gegenüber gegeizt hatte.

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