Widmer Urs

Urs Widmer wurde am 21.5.1938 in Basel als Sohn eines Gymnasiallehrers und Übersetzers geboren. Er studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. 1966 promovierte er mit einer Arbeit über die deutsche Nachkriegsprosa. Danach war er als Verlagslektor tätig. Ab 1967 wohnte er in Frankfurt a. M., bevor er 1984 in die Schweiz zurückkehrte. Bis zu seinem Tod am 2. April 2014 lebte und arbeitete er in Zürich. Urs Widmer beschrieb seine literarische Tätigkeit einmal so: "Ich bin zuweilen damit beschäftigt, mir in meinem Kopf drin etwas Schönes vorzustellen, Bäume oder Ozeane oder Luft oder Liebe, weil es da, wo ich wohne, irgendwie nicht immer schön genug ist, zuwenig Bäume und Ozeane und Luft und Liebe". Tatsächlich lässt sich bei Widmer der Gegensatz zwischen Sehnsucht und Realität immer wieder ausmachen. "Fiction" will er schreiben, aber auch "möglichst viel gesellschaftliche Wirklichkeit spürbar werden lassen". In der Erzählung "Liebesnacht" (1982) sitzen Freunde irgendwo in einem Haus beisammen. Alle trinken und erzählen sich wahnsinnig schöne Geschichten von der Liebe in ihrem Leben. Widmer hat neben Erzählungen und Romanen ("Das enge Land", 1981; "Der Kongress der Paläolepidopterologen", 1989) auch zahlreiche Hörspiele und Theaterstücke verfasst ("Die lange Nacht der Detektive", 1973; "Nepal", 1977; "Stan und Ollie in Deutschland", 1987). In seinem letzten Lebensjahr veröffentlichte Urs Widmer mit "Reise an den Rand des Universums" (2013) seine wundersam versponnene Autobiografie - sie sollte sein letztes Buch werden.

Links
www.nzz.ch/feuilleton/schriftsteller-urs-widmer-gestorben-1.18276311
www.srf.ch/kultur/literatur/urs-widmer-sah-dem-tod-mit-grosser-gelassenheit-entgegen
www.videoportal.sf.tv/video?id=fc4483c3-7171-4df4-bc30-24e3e4596402
ead.nb.admin.ch/html/widmer.html

Werke:
  • Alois. Erzählung. Zürich: Diogenes, 1968
  • Die Amsel im Regen im Garten. Erzählung. Zürich: Diogenes, 1971
  • Das Normale und die Sehnsucht. Essays und Geschichten. Zürich: Diogenes, 1972
  • Die lange Nacht der Detektive. Kriminalstück in drei Akten. Zürich: Diogenes, 1973
  • Die Forschungsreise. Ein Abenteuerroman. Zürich: Diogenes, 1974
  • Schweizer Geschichten. Eine Reise durch 13 Kantone. Bern / Stuttgart: Hallwag, 1975
  • Die gelben Männer. Zürich: Diogenes, 1976
  • Nepal. Stück in der Basler Umgangssprache. Mit der Frankfurter Fassung von Karl Heinz Braun im Anhang. Zürich: Diogenes, 1977
  • Vom Fenster meines Hauses aus. Prosa. Zürich: Diogenes, 1977
  • Hand und Fuss. Ein Buch. Basel: Das Narrenschiff, 1978
  • Züst oder die Aufschneider. Ein Traumspiel. (Hochdeutsche und schweizerdeutsche Fassung). Zürich: Diogenes, 1980
  • Das enge Land. Zürich: Diogenes, 1981
  • Liebesnacht. Erzählung. Zürich: Diogenes, 1982
  • Die gestohlene Schöpfung. Ein Märchen. Zürich: Diogenes, 1984
  • Indianersommer. Zürich: Diogenes, 1985
  • Nepal / Der neue Noah. Zwei Stücke. Frankfurt/M.: Verlag der Autoren, 1986
  • Das Verschwinden der Chinesen im neuen Jahr. Zürich: Diogenes, 1987
  • Stan und Ollie in Deutschland, Alles klar. Zwei Stücke. Frankfurt/M.: Verlag der Autoren, 1987
  • Auf auf ihr Hirten ! die Kuh haut ab !. Kolumnen. Zürich: Diogenes, 1988
  • Der Kongress der Paläolepidopterologen.Zürich: Diogenes, 1989
  • Das Paradies des Vergessens. Erzählung. Zürich: Diogenes, 1990
  • Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe im Bauch der vierten und andere Überlegungen zur Literatur. Grazer Poetikvorlesungen. Graz: Droschl, 1991
  • Jeanmaire. Ein Stück Schweiz. Mit Anmerkungen zum "Fall Jeanmaire" von Urs Rauber. Frankfurt/M.: Verlag der Autoren, 1992
  • Der Sprung in der Schüssel / Frölicher. Ein Fest. Zwei Stücke. Frankfurt/M.: Verlag der Autoren, 1992
  • Der blaue Siphon. Erzählung. Zürich: Diogenes, 1992
  • Liebesbrief für Mary. Erzählung. Zürich: Diogenes, 1993
  • Im Kongo. Zürich: Diogenes, 1996
  • Top Dogs. (Theaterstück). Frankfurt/M.: Verlag der Autoren, 1997
  • Vor uns die Sintflut. Geschichten. Zürich: Diogenes, 1998
  • Die schwarze Spinne. Nach der Erzählung von Jeremias Gotthelf / Sommernachtswut. Ein Theater. Frankfurt/M.: Verlag d. Autoren, 1998
  • Das Theater (8 Bde.). (Gesamtes dramatisches Werk). Frankfurt/M.: Verlag der Autoren,1998
  • Der Geliebte der Mutter. Zürich: Diogenes, 2000
  • Das Buch der Albträume. Mit Hannes Binder (Zeichnungen). Zürich: Sanssouci, 2000
  • Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück. Zürich: Diogenes, 2002
  • Das Buch des Vaters. Zürich: Diogenes, 2004
  • Ein Leben als Zwerg. Zürich: ogenes, 2006
  • Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das. Frankfurter Poetikvorlesungen. Zürich: Diogenes, 2007
  • Valentin Lustigs Pilgerreise. Zürich: Diogenes, 2008
  • Das Schreiben ist das Ziel, nicht das Buch. Zürich: Diogenes, 2008
  • Herr Adamson. Zürich: Diogenes, 2009
  • Stille Post. Kleine Prosa. Zürich: Diogenes, 2011
  • Das Ende vom Geld/Münchhausens Enkel. Frankfurt/M.: Verlag der Autoren, 2012
  • Gesammelte Erzählungen. Zürich: Diogenes, 2013
  • Reise an den Rand des Universums. Zürich: Diogenes, 2013
  • Föhn. Ein Mythos in Text und Musik. Zürich: Rüffner & Rub, 2016

Auszeichnungen:
  • Karl Sczuka-Preis des Südwestfunks Baden-Baden (1974)
  • Hörspielpreis der Kriegsblinden (1976)
  • Manuskripte-Preis für das Forum Stadtpark des Landes Steiermark (1983)
  • Preis der Schweiz.Schillerstiftung (1985)
  • Basler Literaturpreis (1989)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (1989)
  • Literaturpreis des Südwestfunks (1992)
  • Grosser Literaturpreis der Stadt Zürich (1996)
  • Kunspreis der Gemeinde Zollikon (1997)
  • 3sat-Innovationspreis (1997)
  • Mühlheimer Dramatikerpreis (1997)
  • Autor des Jahrer in der Zeitschrift "Theater heute" (1997)
  • Heimito von Doderer-Preis (1998)
  • Kulturpreis der Gemeinde Riehen (1999)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (2000)
  • Werkbeitrag der Pro Helvetia (2000)
  • Literaturpreis der Stadt Graz/Franz Nabl-Preis (2001)
  • Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg (2001)
  • Literaturpreis der Bayerischen Akademie (2002)
  • Stadtschreiber in Mainz (2003)
  • Preis der Schweiz. Schillerstiftung (2004)
  • Friedrich-Hölderlin-Preis (2007)
  • Auszeichnung Kanton Zürich (2010)
  • Literaturpreis der Stadt Fürth (2013)
  • Schweizer Literaturpreis (2013)

Textausschnitt aus "Der blaue Siphon" [S. 102]

Neue Tage, andere Jahre kamen. Ich wurde grösser, fiel vom Apfelbaum und trug den Arm im Gips. Der Krieg war gegangen, der Frieden gekommen. Der Siphon stand und blieb auf dem Kasten oben, und niemand mehr spritzte jemals aus ihm. Oft sah ich zu ihm hoch, wenn das Sonnenlicht in seinem Glas funkelte. Dann stand ich im Garten und hoffte, Jimmy käme plötzlich den Plattenweg entlang, die Schnüffelnase am Boden. Aber er blieb verschwunden. Die Sonne schien, die Wiesen glänzten. Nun jedoch dachte ich, dass ein jäher Knall alles zerreissen könnte. JETZT. Sah zum Himmel empor, ins Blau. Wenn ich einen schwarzen Punkt sähe, hätte ich nicht mehr viel Zeit. Vielleicht brennte sich mein Schatten in die Mauer des Hauses ein. Mein Vater wäre verschwunden. Meine Mutter wäre verschwunden. Lisette wäre verschwunden. Es gäbe sie nicht mehr. Es gibt sie nicht mehr: Vater, Mutter, Lisette, und auch Jimmy nicht, den Hund.

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