Storz Claudia

Claudia Storz wurde am 13.6.1948 in Zürich geboren. Sie studierte Anglistik und Germanistik in Zürich und Oxford und lieferte eine Dissertation über Wortspiele auf den Plakaten in der Londoner U-Bahn ab. Von 1973 bis 1980 arbeitete sie als Englischlehrerin an der Kantonsschule Aarau. Seit 1981 ist Storz freie Schriftstellerin und wohnt in Aarau. "Jessica" (das heisst: ja, ich kann) nennt Claudia Storz die junge Frau in ihrem ersten Roman ("Jessica mit Konstruktionsfehlern", 1977). Sie soll leben können trotz der unheilbaren Darmkrankheit, die sie periodisch in ein übelriechendes Schmerzbündel verwandelt. Vergeblich kämpft sie um Wärme und Liebe. Die Berührungsangst der Gesunden scheint grösser als die der Behinderten. In den folgenden Werken (u. a. "Die Wale kommen an Land", 1984; "Das Schiff", 1989) tritt das Gleichnishafte des behinderten Lebens, die Verwandtschaft von Todesnähe und Selbstfindung stärker hervor. In einem ihrer letzten Bücher "Burgers Kindheiten" (1996) versucht Storz eine Annäherung an Hermann Burger.

Links
www.claudiastorz.ch
www.linsmayer.ch/autoren/S/StorzClaudia.html

Werke:
  • Jessica mit Konstruktionsfehlern. Zürich / Köln: Benziger, 1977
  • Auf der Suche nach Lady Gregory. Zürich / Köln: Benziger, 1981
  • Die Wale kommen an Land. Zürich: Nagel & Kimche, 1984
  • Geschichte mit drei Namen. Erzählungen. Zürich: Nagel & Kimche, 1986
  • Das Schiff. Zürich: Nagel & Kimche, 1989
  • Noahs Tochter. Libretto zu einem Oratorium. Mit 21 Holzschnitten von Robert Wyss. Luzern / Stuttgart: Rex, 1990
  • Die grosse Agnes. Das Königsfelder Agnes-Spiel. Ein Leben in Bildern und Musik. Aarau: C.Storz, 1991 Uraufführung: Klosterkirche Königsfelden, 1991
  • Burgers Kindheiten. Eine Annäherung an Hermann Burger. Zürich: Nagel & Kimche, 1996
  • Quitten mit Salz. Zürich: Nagel & Kimche, 1999
  • Federleichter Viertelmond. Gedichte und Miniaturen aus einem halben Leben. Bern: eFeF, 2005
  • Boote für den blinden Passagier. Gedichte und Notate. Wettingen: eFeF, 2012

Auszeichnungen:
  • Förderpreis des Kantons Aargau (1977)
  • Rauriser Literaturpreis des Landes Salzburg (1978)
  • Schillerpreis der Stadt Zürich (1978)
  • Werkpreis des Kantons Solothurn (1981 / 1990)
  • Conrad Ferdinand Meyer-Preis (1981)
  • Werkpreis des Kantons Zürich (1983)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (1985 / 1986 / 1999)
  • Preis der Stadt Zürich (1986)
  • Werkbeitrag der Pro Helvetia (1988)
  • Werkbeitrag des Kantons Aargau (1986 / 1993)

Textausschnitt aus "Jessica mit Konstruktionsfehlern" [S. 64-66]

Ein bräunlicher Fleck an der Gipsdecke. Jessica starrte darauf; der Fleck dehnte sich aus, zog sich zusammen. Jessica war allein. Nicht einmal Molly würde ins Zimmer kommen. Molly fürchtete sich, die Schwelle zu Jessicas Privatleben zu überschreiten. Politeness. Jessica lag da. Sie war gelähmt. Sie konnte nicht zur Vorlesung gehen. Sie lag in ihren feuchten Wattebäuschen und fühlte, wie der Ausfluss auf der Wunde brannte. Das tat gut. Der Körper frass den Körper auf. Warum diesen Vorgang immer wieder aufhalten? Verbinden: Präzisionsarbeit im Liegen, am rechten Hüftknochen vorbeischielend: Von-der-Salbe-Säubern, Kamillenwickel, Plastikverband zuschneiden, Coloplast extra 12 * 12 cm in der Diagonale, 2 cm breiter Schlitz schräg, 7 cm lang. Mit Äther reinigen, blaurotes Mal ohne Haut, Zinkpaste auf den malträtierten Rand, genau 1 * 2 cm lang. Öffnung des Plastikverbandes auf die Wunde legen, etwas Luft einfüllen zu einem schützenden Luftkissen. Kleberänder an Wundränder legen und mit warmem Handdruck andrücken - Klebstoff geht Verbindung ein mit Haut. Watte wegräumen. Ätherflasche schliessen (Achtung: Ätherdämpfe) - Tube mit Zinkpaste zuschrauben. Gebrauchten Verband mit Gaze in Papiersack-Abfallkübel. Unteren Teil des Verbandes am Oberschenkel hochkleben, da er sonst beim Gehen störte. Druck aufs Luftkissen. Kontrolle: Waren die Plastikränder richtig verschweisst? sich aufsetzen und die vielen Utensilien in den Schrank räumen. War sie unsorgfältig gewesen, klebte der Klebstoff am Hüftknochen oder an der vorderen Operationsnarbe nicht, sackte das Luftkissen zusammen, und das Loch saugte das Plastik an. Die Säure, die herausfloss, blieb mit dem Plastik auf der Wunde, wenige Minuten, und das Gewebe war löcherig blutig zerfressen. Neu verbinden jeden Morgen, jeden Abend. Vor dem Weggehen, vor dem Ins-Bett-Gehen. Unvermeidlich. Eine Stunde früher aufstehen, eine Stunde früher ins Bett gehen. Immer abhängig. Warum musste sie das? Sie, Jessica. Für diesen hässlichen, zerschnittenen, mageren Bauch. Pflege, Sorgfalt, «betüteln und betun». Zwangszärtlichkeiten. Und er liess sie immer im Stich. Koliken, Koliken, Koliken.

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