Schischkin Michail

Der russische Schriftsteller Michail Schischkin (Mikhail Shishkin, Mikhaïl Chichkine, Михаил Шишкин) wurde am 18. Januar 1961 in Moskau geboren. Hier studierte er an der Pädagogischen Hochschule Germanistik und Anglistik. Nach dem Studium arbeitete er drei Jahre als Journalist bei der Jugendzeitschrift Rovesnik, anschliessend unterrichtete er zehn Jahre lang Deutsch und Englisch an der Schule Nummer 444 in Moskau. Erst nach der Perestroika konnte er seine ersten Texte in literarischen Zeitschriften publizieren (1993: Urok Kalligrafii/Die Kalligraphiestunde). Und bereits 1994 erhielt er für „Omnes una manet nox“ einen Preis für das beste Debüt des Jahres. Michail Schischkin heiratete eine Schweizerin und übersiedelte 1995 in die Schweiz nach Zürich. Hier war er als Russischlehrer, Lehrer und Dolmetscher für das Migrationsamt tätig und schrieb Artikel unter anderem für die NZZ. Im Herbstsemester 2007 und 2009 war er Lehrbeauftragter für Russische Literatur an der Washington and Lee University in Lexington (Virginia). Schischkins Sorge, ihm könne in der beschaulichen Schweiz der Schreibstoff abhanden kommen, blieb unbegründet. Im Rahmen seiner Tätigkeit für das Migrationsamt des Kantons Zürich und andere Behörden erfuhr er von den Asylgesuchstellern aus der ehemaligen Sowjetunion weitaus mehr über Krieg, Folter und Vertreibung als früher in seiner russischen Heimat. All diese Berichte haben Schischkin massgeblich zu seinem dritten Roman „Venushaar“ (deutsche Ausgabe: 2011) inspiriert. Im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen russischen Autoren zielt Schischkin auf eine Aneignung und Weiterentwicklung der literarischen Tradition. Lange wagten sich deutschsprachige Verlage kaum an die Veröffentlichung seiner komplexen erzählerischen Gebilde. Dank hervorragender Übersetzungen von Andreas Tretner ist es aber gelungen, all die vielen Anspielungen, die Bild- und Klangfülle des Originals für deutschsprachige Leserinnen und Leser erfahrbar zu machen. Als bisher einziger Autor wurde er in Russland mit den drei wichtigsten Literaturpreisen ausgezeichnet. Seine Bücher wurden in 27 Sprachen übersetzt. Heute lebt Michail Schischkin als freischaffender Schriftsteller in Kleinlützel im Kanton Solothurn.

Links
www.srf.ch/player/tv/kulturplatz/video/michail-schischkin?id=fc436016-c57a-4df5-b407-ce6062e86cd7
www.zeit.de/kultur/literatur/2011-07/schischkin-venushaar
www.nzz.ch/feuilleton/warum-wir-am-ende-doch-verloren-haben-1.18538424
www.srf.ch/sendungen/sternstunde-philosophie/poet-gegen-zar-der-schriftsteller-michail-schischkin
www.tageswoche.ch/de/2015_13/international/683752/

Werke:
  • Urok Kalligrafii (Die Kalligraphiestunde. Erzählung). Erschienen in der russischen Literaturzeitschrift Znamja Nr. 1/1993
  • Vseh ozhidaet odna noch (Omnes una manet nox. Roman). Erschienen in der russischen Literaturzeitschrift Znamja Nr. 7+8/1993
  • Slepoj muskykant (Der blinde Musiker). Erschienen in der russischen Literaturzeitschrift Znamja Nr. 1/1994
  • Willkommen in Z (Erzählung). In: Küsse und eilige Rosen. Die fremdsprachige Literatur der Schweiz. Zürich: Limmat Verlag, 1998
  • Vzjatie Izmaila (Die Eroberung des Ismail. Roman). Erschienen in der russischen Literaturzeitschrift Znamija Nr. 10+11+12/1999 und 2000 als Einzelausgabe beim Vagrius-Verlag, Moskau
  • Russkaja Schvejzarija. Zürich: Pano, 2000 (Die russische Schweiz. Ein literarisch-historischer Reiseführer. Zürich: Limmat Verlag, 2003)
  • Montreux-Missolunghi-Astapowo. Auf den Spuren von Byron und Tolstoj. Zürich: Limmat Verlag, 2002
  • Venerin Volos (Venushaar). Erschienen in der russischen Literaturzeitschrift Znamja Nr. 4+5+6/2005
  • Venushaar. Roman. München: DVA, 2011
  • Pismovnik (Briefsteller). Moskau: AST 2010
  • Briefsteller. Roman. München: DVA, 2012
  • Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen. Zürich: Rotpunktverlag, 2012
  • Die Erobertung vom Ismail. Roman. München: DVA, 2017

Auszeichnungen:
  • Bestes Debüt des Jahres (Russland 1994)
  • Werkbeitrag des Kantons Zürich (2000)
  • Russischer Booker-Preis (2000)
  • Werkjahr der Stadt Zürich (2002)
  • Preis für das beste ausländische Buch (Frankreich 2005)
  • Werkbeitrag des Kantons Zürich (2005)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (2006)
  • Nationaler Bestseller-Preis (Russland 2005)
  • Bolshaya Kniga-Preis (Russland 2006)
  • Grinzane Cavour Mosca (2007)
  • Atelierstipendium Landis & Gyr (2008/2009)
  • Werkbeitrag Stadt Zürich (2011
  • Literaturpreis Leuk (2011)
  • Bolshaya Kniga-Preis (Russland 2011)
  • Internationaler Literaturpreis/Haus der Kulturen der Welt (2011)

Textausschnitt aus „Briefsteller“ [S. 5-11]

Wie ich die Zeitung von gestern aufschlage, steht da etwas über Dich und mich.
Da steht: Am Anfang wird wieder das Wort sein. Während sie den Kindern in der Schule immer noch die alte Geschichte auftischen, dass es zuerst einen grossen Knall gab und alles, was da war, in Fetzen flog.
Aber dann muss das alles ja schon vor dem Knall existiert haben: alle noch unausgesprochenen Wörter und alle sichtbaren und unsichtbaren Galaxien. So wie dem Sand schon das künftige Glas innewohnt, Sandkörner sind Samenkörner für dieses Fenster hier, vor dem gerade ein Junge vorbeiläuft, der sich seinen Fussball vorne unter das Trikot geklemmt hat.

[…]

Ich muss mir nur noch einen Krieg aussuchen. Aber daran wird es nicht scheitern. Solcher Segen liegt dem keuschen Vaterland ja doch am Herzen und genauso den befreundeten Reichen: Kaum blättert man die Zeitung auf, schon werden Babys aufs Bajonett gespiesst und alte Frauen vergewaltigt. Ein unschuldig getöteter Zarensohn im Matrosenanzug weckt dabei immer noch am meisten Mitleid. Alte, Frauen und Kinder, das geht zum einem Ohr rein, zum anderen raus, ein Matrosenanzug ist was anderes.

[…]

Liebster Wolodenka!
Ich sehe der Sonne beim Untergehen zu und denke – womöglich tust auch Du das gerade? Dann wären wir also beieinander.
Welch eine Stille ringsum.
Welch ein Himmel!
Der Holunder da treibt auch Weltempfindung.
In solchen Momenten scheint es, als wüssten die Bäume alles, könnten es nur genauso wenig sagen wie wir.
Und auf einmal spürst du ganz deutlich, dass Worte und Gedanken aus demselben Stoff sind wie diese Glut am Himmel, oder überhaupt dieselbe Glut, nur gespiegelt in der Pfütze da, oder meine Hand mit dem verbundenen Daumen, ach, könntest Du all das jetzt sehen!

[…]

Saschenka, Liebste!
Dann werd ich die Briefe eben von jetzt an nummerieren, damit Du weißt, was weggekommen ist.
Verzeih, dass mein Geschriebs immer so kurz ist – man findet einfach keine Zeit für sich. Und sowieso fehlt es an Schlaf, die Augen fallen einem zu, man möchte im Stehen schlafen. Descartes hat täglich früh um fünf aufstehen müssen, um der Königin Christine von Schweden Vorlesungen in Philosophie zu halten, das hat ihn zuletzt ins Grab gebracht.
Ich halte mich noch ganz tapfer.
Heute war ich im Stab und sah mich in kompletter Montur zufällig im Spiegel. Was für eine komische Verkleidung!, hab ich gedacht. Ich und Soldat – das wundert mich immer noch.

Zurück