Rudolf Gisela

Gisela Rudolf wurde am 2.12.1947 in Basel geboren und ist im solothurnischen Zuchwil aufgewachsen. Nach dem Handelsdiplom liess sie sich zur Journalistin ausbilden. Seit 1973 ist Rudolf verheiratet und Mutter eines Kindes. Bis 1993 war sie Redaktorin einer Tageszeitung. Seither arbeitet sie als freie Journalistin und Schriftstellerin. Neben ihren Romanen hat Rudolf in mehreren Anthologien veröffentlicht. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Rumisberg bei Solothurn.

Werke:
  • Seine Wohnung in Florenz. Roman. Bern: Zytglogge, 1983
  • Ein schmaler Streifen Zeit. Roman. Bern: Zytglogge, 1985
  • Gottloses Glück. Bern: Edition Hans Erpf, 1989
  • Mutter, meine Jahre schenk ich dir. München: Nymphenburger bei Herbig, 1992
  • Muss ich ewig Tochter sein ? Frankfurt/M.: Ullstein, 1995
  • Auch starke Frauen weinen. Bern: Zytglogge, 1996
  • ...wenn du es nicht lassen kannst. Bern: Zytglogge, 2002
  • Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen. Frankfurt/M.: Weissbooks, 2010
  • Yolo. Roman. Frankfurt/M.: Weissbooks, 2012

Textausschnitt aus "Gottloses Glück" [S. 37-38]

Im Frühwinter stirbt die Arbeitsschullehrerin. Ein Auto hat sie bei der Kirche angefahren. Wir Blauringmädchen singen hinter dem Sarg das Lied Grossergottwirlobendich. Es ist mir unangenehm, dass ich nicht weinen muss. Ich lange mit meinem eingerollten Zeigefinger zur Nasenwurzel. Das hat mein Bruder bei der Beerdigung von Grosspapa getan, und es hat traurig ausgesehen.
Noch vor Weihnacht wird die Blauringgruppe aufgelöst. Niemand wollte die Leitung übernehmen.
Im Advent gehe ich freiwillig jeden Donnerstag in die Kindermesse. Ich bleibe auch dann knien, wenn man sitzen darf. Der toten Arbeitsschullehrerin zuliebe. Bin ich an ihrem Tod schuldig? Lieber Gott, ich habe mir ihren Tod nie gewünscht, ganz sicher nicht, glaube mir!
Doch sicher war ich nicht. Am vierundzwanzigsten Dezember beichtete ich meine Unsicherheit dem Pfarrer.
Gott weiss alles, er spürt auch, was du willst, noch bevor du es selber denkst. Gehe hin und sündige nicht mehr!
Zur Busse muss ich drei Vaterunser und fünf Gegrüsstseistdumaria beten.

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