Reichlin Linus

Der Autor, Journalist und Kolumnist Linus Reichlin kam am 9. Juni 1957 in Aargau auf die Welt. Nach längeren Aufenthalten in Südfrankreich und Kanada begann er 1985 Reportagen zu schreiben, für die er 1990 mit dem Zürcher Journalistenpreis und 1996 mit dem Ben-Witter-Preis der ZEIT ausgezeichnet wurde. Diese hob speziell Reichlins ungewöhnlichen Themenwahl, seine effektvolle Dramaturgie und mitreissende Sprache hervor. Ab 1997 wurde Linus Reichlin einem grösseren Publikum bekannt durch seine literarisch-satirischen Kolumnen, insbesondere mit „Cyberia“ (bis Ende 1997) sowie „Moskitos“ (von 1998 bis 2002) in der „Weltwoche“. Nach einem Debüt mit Erzählungen („Wir Farbenblinden und Kristina Columb“, 1988) trat Linus Reichlin als Buchautor zuerst mit dokumentarischen Texten („Kriegsverbrecher Wipf, Eugen“, 1994) sowie der Herausgabe von Sammlungen mit Kolumnen an die Öffentlichkeit. Sein erster Jensen-Krimi „Die Sehnsucht der Atome“ (2008) wurde bei der Vergabe des Glauser-Preises 2009 für das beste Krimidebüt nominiert und erhielt den Deutschen Krimipreis 2009. Reichlins zweiter Roman „Der Assistent der Sterne“ (2010) wurde zum Wisssenschaftsbuch des Jahres 2010 (Sparte Unterhaltung) gewählt. Mit dem 2011 erschienenen Roman „Er“ ist die Jensen-Trilogie abgeschlossen. In „Das Leuchten in der Ferne“ (2012) verknüpft der Autor Erfahrungen aus seiner Reportertätigkeit mit Elementen aus Gesellschafts- und Abenteuerroman – auch eine Prise Liebe darf nicht fehlen. „Schonungslos legt Reichlins Roman die Entpolitisierung des Terrors offen. Was nicht heisst, dass er deswegen weniger gefährlich wäre. ‚Vielleicht’, dachte Martens beim Anblick der betenden Mudschaheddin, ‚sind sie nicht die Letzten einer alten Zeit, sondern die Ersten einer neuen.’ Linus Reichlin verpackt diese Botschaft in einen so intensiven, zuweilen brutalen und unterhaltsamen Roman, dass man ihre Bitterkeit nicht sofort schmeckt. (NZZ, 4. April 2013) Seit 2007 arbeitet Linus Reichlin als freier Schriftsteller und lebt heute in Berlin. (Foto: Susanne Schleyer)

Links
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Werke:
  • Wir Farbenblinden und Kristina Columb. Zwei Erzählungen. Zürich: Eco, 1988
  • Vom Verstecken eines Gastes. Dokumentarerzählung. Gümligen: Zytglogge, 1990
  • Kriegsverbrecher Wipf, Eugen. Schweizer in der Waffen-SS, in deutschen Fabriken und an den Schreibtischen des Dritten Reiches. Zürich: Weltwoche-ABC, 1994
  • Kampf dem Orgasmus! Kolumnen. Frankfurt/M.: Eichborn, 1999
  • Wie man endlich glücklich wird. Lebenshilfen. Kolumnen. Frankfurt/M.: Eichborn, 2001
  • Die Sehnsucht der Atome. Kriminalroman. Berlin: Eichborn, 2008
  • Der Assistent der Sterne. Roman. Berlin: Galiani, 2009
  • Er. Roman. Berlin: Galiani, 2011
  • Das Leuchten in der Ferne. Berlin: Galiani, 2012
  • In einem anderen Leben. Berlin: Galiani, 2015
  • Manitoba. Berlin: Galiani, 2016

Auszeichnungen:
  • Zürcher Journalistenpreis (1992)
  • Ben-Witter-Preis der ZEIT (1996)
  • Deutscher Krimi-Preis (2009)
  • Wissenschaftsbuch des Jahres (2010)

Textausschnitt aus „Das Leuchten in der Ferne“ [S. 284 f.]

Miriam sagte, sie habe das Geld auf eine Bank in Kabul transferiert. Sie werde in drei Wochen nach Kabul fliegen und es abheben, es sei eine zu grosse Summe, um sie in ihren Hosen zu schmuggeln – sie spielte auf das Lösegeld für Evren an, sie gab nicht auf, sie versuchte, die Verbindung wiederherzustellen durch das Wecken gemeinsamer Erinnerungen. Aber Martens war zu erschöpft und zu sehr hier, in dem von seinen Bewohnern verlassenen Dorf, dem sich die Kälte der Nacht näherte. Er beneidete Ehsanullah um die Decken, aber vielleicht gab es ja in den Häusern noch mehr davon. Er fröstelte im Wind, der sich in den verschatteten Hängen mit Kälte vollgesogen hatte. Miriam hab sich einen Ruck und sagte, sie vermisse ihn, aber er hätte ihr Bekenntnis gegen eine Decke eingetauscht. Als Dilawar ihm das Handy aus der Hand nahm, vermisste er nichts, nur eine Decke, und als er am anderen Ufer des Flusses eine Bewegung wahrnahm, hatte er das Gespräch schon vergessen. Er war hier und nirgendwo sonst, und ob er morgen noch hier sein würde, lebend und unverletzt, entschied sich vielleicht in diesem Moment. Er machte Dilawar auf die Bewegung aufmerksam, die er gesehen hatte, er sagte „there!“ und zeigte in die Dunkelheit hinter dem Fluss. Dilawar starrte hinüber und sah es auch. Er rief etwas, die Männer rannten zu ihren Waffen und legten sich flach auf den Boden.
Es war still. Man hörte den Fluss und den Nachtwind in den Bäumen. Dilawar, auf dem Bauch liegend, hustete in seinen Ärmel. Und Martens war hier, nur hier, mit der Wange auf dem Boden, den Geruch von Erde in der Nase.


Rückkehr

Im Oktober, mit dem ersten Schnee, kam Miriam zurück. Es war ein ungelenkes Wiedersehen. Lange verharrten sie in einer steifen Umarmung, sie ahmten die Umarmungen von früher nach, als sie füreinander mehr gewesen waren als jetzt. Dilawar stand daneben, mit nachsichtigem Lächeln. Er hatte begonnen, die Welt zu verlassen, jeden Tag liess er Ballast am Wegrand zurück, er wollte leicht und unbeschwert aufsteigen ins Paradies. Schon längst war Omar der Anführer, und als er sah, dass Miriam und Martens sich in den Armen hielten, duldete er es nicht. Er liess Miriam wegführen.
Dilawar stand im Schneegestöber und blickte in die Ferne.

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