Pulver Max

Max Pulver wurde am 6. Dezember 1889 in Bern geboren. Bereits im Alter von sieben Jahren verlor er den Vater, einen Apotheker. Die Beziehung zur Mutter blieb zeitlebens schwierig. Schon während seiner Schulzeit am humanistischen Gymnasium seiner Heimatstadt begann Pulver zu schreiben. Die zahlreichen schriftstellerischen Versuche blieben jedoch allesamt unveröffentlicht. 1908 begab sich Max Pulver zum Studium ins Ausland. In den folgenden Jahren studierte er Geschichte, Psychologie und Philosophie in Strassburg, Leipzig und Freiburg i.Br. Pulver promovierte im Jahr 1911. Während dem Ersten Weltkrieg debütierte der junge Mann, gefördert unter anderen von Rilke, als Schriftsteller und wurde mit seinen Werken zum hochangesehenen Dramatiker und Lyriker. Die Rückkehr in die Schweiz folgte im Jahr 1924: Pulver beschäftigte sich von diesem Zeitpunkt an vornehmlich mit der Graphologie, der Symbolik der Handschrift, die er in den folgenden Jahren in den Rang einer wissenschaftlichen Disziplin erhob. Als Dozent der Graphologie und Menschenkunde am Institut für angewandte Psychologie pflegte er freundschaftlichen Verkehr mit dem Kreis um C.G. Jung. In den Dreissiger und Vierziger Jahren schrieb er manches Standardwerk zu der neuen Disziplin. Max Pulver starb am 13. Juni 1952. Einen offiziellen Lehrauftrag für Graphologie an der Universität Zürich, der für seine Arbeit öffentliche und universitäre Anerkennung bedeutete, konnte er nicht mehr übernehmen. Max Pulver war in seinen schriftstellerischen Frühwerken ein Vertreter der Neuromantik. Am bedeutendsten in dieser Richtung war seine Lyrik. Der Bruch folgte mit dem Roman „Himmelpfortgasse“ von 1927, in dem er eine hochdramatische Liebesgeschichte im Kokainistenmilieu schilderte. Die expressionistische Form und der brisante Inhalt führten dazu, dass das Werk von der Kritik einhellig zurückgewiesen wurde. Pulver selber distanzierte sich im folgenden von seinem einzigen Roman, den er, der Kritik folgend, als die Darstellung einer verdorbenen Triebwelt sah. Sein „Fehltritt“, wie er das Werk selber nannte, führte dazu, dass Pulver seinen literarische Tätigkeit fast vollends aufgab. „Die Himmelpfortgasse“ gilt heute als die kompetenteste und hellsichtigste Darstellung des Kokainmissbrauchs in der Schweizer Literatur und als wichtigstes Buch im Werk von Max Pulver.

Links
www.linsmayer.ch/autoren/P/PulverMax.html
www.graphologie-online.com/pulver.html
graphologie-news.net/cms/upload/archiv/pulverhommage.pdf

Werke:
  • Selbstbegegnung. Gedichte. 1916
  • Alexander der Grosse. Drama., 1917
  • Robert der Teufel. Ein Drama. 1917
  • Odil. Zwei Erzählungen. 1917
  • Merlin. Versdichtung. 1918
  • Christus im Olymp. Eine Epiphanie. Schauspiel. 1918
  • Igernes Schuld. Ein Kammerspiel. 1918
  • Auffahrt. Neue Gedichte. 1919
  • Zwischenspiele: Polyphem. Narzissos. 1919
  • Das grosse Rad. Komödie. 1921. Uraufführung Zürcher Schauspielhaus, 1926
  • Die weisse Stimme. Gedichte. 1924
  • Kleine Galerie. Prosa. 1925
  • Arabische Lesestücke. 1925
  • Himmelpfortgasse. Roman. 1927
  • Symbolik der Handschrift. 1931
  • Trieb und Verbrechen in der Handschrift. 1934
  • Neue Gedichte. 1939
  • Menschen kennen und Menschen verstehen. 1940
  • Selbstbesinnung. 1940
  • Selbsterfahrung. 1941
  • Auf den Spuren des Menschen. 1942
  • Person, Charakter, Schicksal. 1944
  • Übergang. Gedichte. 1946
  • Intelligenz im Schriftausdruck. 1949
  • Erinnerung an eine europäische Zeit. 1953 (Posthum herausgegebene autobiographische Texte)

Textausschnitt aus "Himmelpfortgasse" [S. 32-33]

Vielleicht schon ein Jahr vor meiner Begegnung mit Mariquita hatte ich dieses Gift geschmeckt und an den gemeinsamen Zusammenkünften seiner Verehrer teilzunehmen begonnen. Aber seine isolierende Wirkung traf mich dermassen stark, dass ich mich automatisch aus dem Kreise wegstahl und mit meiner Entrückung in der Einsamkeit verschwand. Nach kurzem, gemeinsamem Hochlodern sprang kein Funke mehr zwischen mir und den andern hin und her, und so mied ich diese Zusammenkünfte, deren fratzenhafte Bilder in mir haften, wie im Taucher ein anderes Gesicht, verzerrt durch die Lichtbrechung in der Wassertiefe. Unter dem glatten Spiegel des Alltags hocken diese Selbstverlorenen auf dem grünen Seegrund, ein Kreis von Ertrunkenen, die unter dem Zug der Strömung miteinander zu spielen scheinen, und deren Glieder widerstandslos wie Papier jedem Anstoss nachgeben. Oben aber sicheln die rastlosen Schiffe des tätigen Lebens. Grau sägt der Bleikiel der Yachten an ihnen vorbei, stumpfer Donner der Motoren kollert zu ihnen herab. Druck des gepressten Wassers schüttelt sie wie Wind, sie wanken, glotzen hohl nach oben, mit Augen, die kein Bild mehr halten können.

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