Pestalozzi Johann Heinrich

Johann Heinrich Pestalozzi wurde am 12. Januar 1746 in Zürich geboren. Er besuchte die Deutsche Schule und anschliessend die Lateinschule. 1763 wechselte er an das Collegium Carolinum, wo Bodmer und Breitinger ihn unterrichteten. In der Auseinandersetzung mit seiner Lebensbestimmung entschied sich Pestalozzi für das Leben auf dem Land und machte eine landwirtschaftlichen Lehre. Nach seiner Heirat übernahm er 1771 im aargauischen Birr den Neuhof. Das Unternehmen scheiterte, wie auch der Versuch den Hof in eine Erziehungsanstalt für arme Kinder umzubauen. 1779 musste Pestalozzi den Bankrott des Neuhofs bekannt geben. In den folgenden Jahren war er vermehrt schriftstellerisch tätig. 1781 wurde Pestalozzi mit dem Erscheinen des ersten Teils seines Romans "Lienhard und Gertrud" zum populären Schriftsteller und das Buch zum literarischen Grosserfolg. Erstmals fasste er seine sozialen und pädagogischen Ideen in einem Roman zusammen. Er tat dies jedoch nicht in kunstvoller Dichtung, sondern in der Sprache des Volkes, was die Wirkung des Buches weit über den Kreis der Gebildeten hinaus begründete. Pestalozzi hatte fortan den Ruf eines genialen Pädagogen und konnte mit "Lienhard und Gertrud" den Weg für seine späteren Erziehungswerke bahnen. Als er den vierten Band im Frühling 1787 beendete stand Pestalozzi auf dem Höhepunkt seiner Dichterlaufbahn und sein Werk gehörte zu den meistgelesenen Büchern seiner Zeit. Seine Ideen zur Sozialpolitik fanden jedoch in der alten Eidgenossenschaft noch keinen Anklang. Pestalozzi musste auf den Sturz des Ancien Régimes warten, ehe er sich der neuen Regierung als Publizist zur Verfügung stellen konnte und in ihrem Auftrag in Stans 1799 ein Waisenhaus eröffnen durfte. Doch auch dieser Versuch scheiterte rasch. In den folgenden Jahren unterhielt er Versuchsschulen in Burgdorf und Münchenbuchsee, denen mehr Erfolg beschieden war. Den endgültigen Durchbruch schaffte er mit einer Erziehungsanstalt in Yverdon, welche in den Jahren unter Pestalozzis Führung weltberühmt wurde. Nach Schwierigkeiten mit seinen Mitarbeitenden wurde das Institut 1825 aufgelöst und Pestalozzi kehrte auf den Neuhof zurück. Zwei Jahre danach, am 17. Februar 1827 starb Johann Heinrich Pestalozzi in Brugg (Kanton AG). Die Bedeutung Pestalozzis für die Geschichte der Pädagogik kann kaum überbewertet werden. Mit seinem Erziehungskonzept schuf er eine umfassende Reform des europäischen Bildungswesens. Zentraler Punkt ist die Einschränkung des Eigennutzes und die Sittlichkeit, die den Menschen vor Entwürdigung und Verwilderung schützen soll. Der Mensch wird demnach erst durch die Erziehung zum Menschen. Sittlichkeit wird in Familie und Religion vermittelt, aber nicht mit Buchwissen, sondern auf dem verständnisvollen Weg der Anschauung. Die Entwicklung von Kopf, Herz und Hand ist das Credo von Pestalozzis Erziehungslehre.

Links
www.heinrich-pestalozzi.info
www.neuhof.org/media/medialibrary/2012/07/Pestalozzi.pdf
www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D9054.php
www.srf.ch/play/tv/me_schonvergessen/video/250--geburtstag-von-johann-heinrich-pestalozzi?id=b8f2632d-fe9e-43e8-b7c3-7679b37a4dd8

Werke:
  • Aufsätze über die Armenanstalt. 1777/78
  • Abendstunde eines Einsiedlers. 1780
  • Lienhard und Gertrud. Roman. 4 Bde. 1781/83/85/87
  • Über Gesetzgebung und Kindermord. 1783
  • "Ja oder Nein?" 1792
  • Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwickelung des Menschengeschlechts. 1797
  • Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. 1801
  • Buch der Mütter. 1804
  • Geist und Herz in der Methode. 1805
  • Ansichten, Erfahrungen und Mittel der Beförderung einer der Menschennatur angemessenen Erziehungsweise. 1807
  • Über die Idee der Elementarbildung. 1810
  • An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes. 1815
  • Sämtliche Schriften. 1819-26
  • Langenthaler Rede. 1826

Textausschnitt aus "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" [S. 2]

Aber ich hatte in der unermesslichen Anstrengung des Versuchs unermessliche Wahrheit gelernt, und meine Überzeugung von der Richtigkeit desselben war nie grösser, als da er scheiterte; auch wallte mein Herz immer dennoch unerschütterlich nur nach dem nämlichen Ziele, und jetzt, selbst im Elend, lernte ich das Elend des Volks und seine Quellen immer tiefer und so kennen, wie sie kein Glücklicher kennt. Ich litt, wie das Volk litt, und das Volk zeigte sich mir, wie es war und wie es sich niemand zeigte. Ich sass eine lange Reihe von Jahren unter ihm wie die Eule unter den Vögeln. Aber mitten im Hohngelächter der mich wegwerfenden Menschen, mitten in ihrem lauten Zuruf: „Du Armseliger, du bist weniger als der schlechteste Tagelöhner imstande, dir selber zu helfen, und bildest dir ein, dass du dem Volke helfen könntest?“ – mitten in diesem hohnlachenden Zuruf, den ich auf allen Lippen las, hörte der mächtige Strom meines Herzens nicht auf, einzig und einzig nach dem Ziele zu streben, die Quellen des Elends zu stopfen, in das ich das Volk um mich her versunken sah, und von einer Seite stärkte sich meine Kraft immer mehr. Mein Unglück lehrte mich immer mehr Wahrheit für meinen Zweck. Was niemand täuschte, das täuschte mich immer; aber was alle täuschte, das täuschte mich nicht mehr.

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