Michel Beatrice

Die am 19. September 1944 in Biel-Bienne geborene Beatrice Michel ist zweisprachig aufgewachsen. Nach den Schulen studierte sie Romanistik und Anglistik in Bern, Paris, London, Edinburgh. Ihre Dissertation, die sie 1971 in Bern einreichte, behandelte frühe französische Passionstexte. Seit 1977 ist Michel filmerisch tätig. 1980 veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Zudem arbeitete Michel als Kulturjournalistin beim Zürcher „Tages Anzeiger" (bis 1988). Begegnungen mit Flüchtlingen aus Chile und Kurdistan im Jahre 1986 waren Auslöser des Engagements für Asylsuchende. 1989 – 1992 hielt sich Michel jährlich für längere Zeit in Ostanatolien, im Norden des Irak und in den kurdischen Siedlungsgebieten im nordwestlichen Iran auf und wurde dadurch mit der kurdischen Kultur vertraut. Die Erfahrungen dieser Reisen wurden denn auch in 1995 erschienenen Roman „Der Kelim" verwoben. Michels filmisches Schaffen erlebte mit der Uraufführung von „Sertsschawan" am Filmfestival Locarno 1992 einen Höhepunkt. In letzter Zeit hat Beatrice Michel zwei Kinderbücher geschrieben. Sie lebt als freie Schriftstellerin und Filmemacherin in Zürich.

Links
www.swissfilms.ch/de/film_search/filmdetails/-/id_person/2143

Werke:
  • Mutterraben. Briefe an Michael und Silvan. Gümligen: Zytglogge, 1990 (zuerst in: Muttertage. Leben mit Mann, Kindern und Beruf. Mit Verena Stössinger und Franziska Mattmann. Gümligen: Zytglogge, 1980) [unter dem Namen Beatrice Leuthold]
  • Der Kelim. Zürich: Nagel & Kimche, 1995
  • Tom und Tina. Bilderbuch. Zürich: Pro Juventute, 2000
  • Chiara und der Bahnhof. Zürich: Pro Juventute, 2001

Auszeichnungen:
  • Kulturpreis des Kantons Solothurn (1985)
  • Kulturpreis der Stadt Zürich (1986 / 1997)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (1990)

Textausschnitt aus "Der Kelim" [S. 10]

Azad, der Lehrer. Azad, der einmal Lehrer war. Der mit Leidenschaft von den Kindern spricht, die er zurückgelassen, verlassen hat, die steinewerfenden, vogelmordenden Mannkinder, die scheuen, wissbegierigen Mädchen, denen er das türkische Alfabe beibrachte, den Lauf von Sonne und Mond, das Leben der Bären. Die Bärin, wisst ihr, wirft ihre Jungen im Winterschlaf. Aus dem Bauch kollern die Jungen in die Fellfalten, saugen sich fest an den Warzen, mummeln, schlafen, dösen, hilflos blind in der Dunkelheit der Doppelhöhle, bis die abgemagerte Bärin den Frühling riecht. Woher weiss der Lehrer das, fragen die Kinder, wenn doch alles im Dunkeln geschieht. Die Bären, sagen die Kinder, sind besser als die Wölfe. Sie reissen ein einziges Schaf und ziehen davon über die Berge. Die Wölfe, diese Teufel, zerbeissen allen Schafen die Kehle, sie töten im Rausch und sind immer wieder da.

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