Meylan Elisabeth

Elisabeth Meylan wurde am 14.6.1937 in Basel geboren. Nach der Matura am Basler Mädchengymnasium besuchte sie für einige Semester die Kunstgewerbeschule, entschied sich jedoch dann für das Studium der Germanistik, Romanistik und Anglistik in ihrer Heimatstadt. 1968 promovierte Meylan zum Dr.phil. Anschliessend war sie als Verlagslektorin, Lehrerin und Redakteurin einer Konsumentenzeitschrift in St.Gallen, Zürich und Genf tätig. Von 1981 bis 1996 bekleidete Meylan zudem das Amt einer Stiftungsrätin der Schweizerischen Schillerstiftung. Elisabeth Meylan lebt seit 1987 als freie Schriftstellerin in Basel. Meylans Schaffen umfasst neben Erzählungen und Romanen auch Lyrik. In allen Formen erweist sie sich als Dichterin eines urbanen Lebensgefühls, welches sie in eine nüchterne Sprache verpackt. Die Autorin beschreibt suchende Menschen in einer Welt voller Unsicherheiten.

Werke:
  • Räume, unmöbliert. Erzählungen. Zürich: Artemis, 1972
  • Entwurf zu einer Ebene. Gedichte. Zürich: Arche, 1973
  • Die Dauer der Fassaden. Roman. Zürich: Arche, 1975
  • Im Verlauf eines einzigen Tages. Gedichte. Zürich: Arche, 1978
  • Bis zum Anbruch des Morgens. Roman. Zürich: Arche, 1980
  • Zwischen Himmel und Hügeln. Erzählungen. Zürich: Pendo, 1989
  • Die Unruhe im Innern des Denkmals. Gedichte. Zürich: Pendo, 1991
  • Das Ende von Weinbergs Schweigen. Roman. Zürich: Pendo, 1992
  • Die allernächsten Dinge. Gedichte. Zürich: Pendo, 1994
  • Zimmerflucht. Erzählungen. Zürich: Pendo, 1997

Auszeichnungen:
  • Werkauftrag Pro Helvetia (1973)
  • Werkjahr der Stadt Zürich (1975)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1976)

Textausschnitt aus "Die Uhr" in "Räume, unmöbliert" [S. 45-46]

Es hat aufgehört zu regnen. Die Strasse, die stellenweise zu trocknen beginnt, sieht unaufgeräumt aus. Im Wageninnern ist es feucht und warm. Jetzt die Gärtnerei. Blinkende Zeilen von Gewächshausdächern. Gelbes. Hellgrünes. Rotes. Und dann die Vorstadt. Häuser, vereinzelt, in Gruppen, schliesslich in langen Reihen. Leben, das sich verdichtet.

Seit gestern abend trägt Robert Haas seine Uhr wieder am Handgelenk. Sie ist revidiert, gereinigt, geölt und hat ein neues Armband aus Seehund, das einen leichten, kaum wahrnehmbaren Trangeruch ausströmt. Robert Haas trägt das Armband sehr eng, so dass er die Umklammerung spürt. Er fühlt sich sicherer so. Die Gewissheit, dass etwas ganz präzis an seinem Handgelenk abläuft und dass er Zeuge eines messbaren, unaufhaltsamen Vorgangs ist, erfüllt ihn mit heimlichem Behagen.

Erst jetzt, geschlossen, geballt die Stadt. Geschäftshäuser treten heran. Die Sekunden leichter Spannung, bis man von den dunklen Fassaden aufgenommen ist. Aber dann – wie mühelos alles geht. Haas biegt in die Winterhalderstrasse ein. Wieder eine rote Ampel. Er hält an. Der Auftritt der Fussgänger auf dem Zebrastreifen. An der Windschutzscheibe hängen noch vereinzelte Tropfen.

Als Robert Haas den Parkplatz erreicht hat und aussteigt, steht der kleine Zeiger seiner Uhr auf acht, der grosse befindet sich in unmittelbarer Nähe der Zwölf. Der Sekundenzeiger bewegt sich ruckartig.

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