Meier Helen

Helen Meier wurde am 17.4.1929 in Mels (Kanton St. Gallen) geboren. Sie absolvierte das Lehrerseminar in Rorschach und war danach als Grundschullehrerin tätig. Es folgten Aufenthalte als Dienstmädchen und Köchin in England, Frankreich und Italien. Später studierte Meier vier Semester Sprache und Pädagogik an der Universität Fribourg. Bevor sie als Sonderschullehrerin in Heiden (Kanton Appenzell-Ausserrhoden) tätig wurde, arbeitete sie als Tibeter-Betreuerin für das Rote Kreuz. Sie lebt seit 1987 als freie Schriftstellerin in Trogen. Rücksichtslos leuchtet Meier unter die Oberfläche von Konventionen und tief hinein in das Innere ihrer Figuren, in ihre wahrhaftigeren, aber verborgenen Seelenschichten. Als sie 1984 mit ihrem ersten Erzählband "Trockenwiese" über Nacht auf der literarischen Bühne erschien, wurde ihr einstimmig ein imponierendes erzählerisches Talent zugestanden. Helen Meiers wichtigstes Thema ist, was die Menschen am hartnäckigsten umtreibt und am bittersten scheitern lässt: Liebe und Sexualität. Besonders eindrücklich ist die Geschichte "Der Wendepunkt" in "Das einzige Objekt in Farbe" (1985). "Metaphysisches Entsetzen" und "Mitleid" durchfährt die sinnlich-vitale Frau, deren unverblümte sexuelle Offerte von einem Intellektuellen zurückgewiesen wurde, als ihr schockartig bewusst wird, dass die innere Mitte dieses Liebesverweigerers mit "purem Nichts" angefüllt ist.

Links
www.videoportal.sf.tv/video?id=c659897e-af25-429b-85fc-815d013a7b06
www.srf.ch/kultur/literatur/altersweisheiten-mit-biss-neue-kurztexte-von-helen-meier

Werke:
  • Trockenwiese. Geschichten. Zürich: Ammann, 1984
  • Das einzige Objekt in Farbe. 13 neue Geschichten. Zürich: Ammann, 1985
  • Das Haus am See. Geschichten. Zürich: Ammann, 1987
  • Das Gelächter. Zürich: Ammann, 1989
  • Lebenleben. Zürich: Ammann, 1989
  • Nachtbuch. Geschichten. Zürich: Ammann, 1992
  • Die Novizin. Zürich: Ammann, 1995
  • Letzte Warnung. Geschichten. Zürich: Ammann, 1996
  • Liebe Stimme. Zürich: Ammann, 2000
  • Schlafwandel. Erzählungen. Zürich: Ammann, 2006
  • Kleine Beweise der Freundschaft. Geschichten und Texte. Zürich: Xanthippe, 2014
  • Die Agonie des Schmetterlings. Zürich: Xanthippe, 2015

Auszeichnungen:
  • Ernst Willner-Stipendium (1984)
  • Rauriser Literaturpreis, überreicht vom Lande Salzburg (1985)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1985 / 2000)
  • Werkbeitrag der Pro Helvetia (2000)
  • Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis der Stadt Meersburg (2000)

Textausschnitt aus "Nachthemde in Trockenwiese" [S. 34]

Zwischen dem Altersheim Bethesda und dem mit dem Namen Zion, an das sich Karmel anschliesst, waren Nachthemden an den Leinen aufgehängt. Es waren solide dicke Flanellhemden mit Krägen, Knöpfen und Ärmeln, Hemden, die viel Stoff verbraucht hatten und einfach zum Bügeln waren, ihre Farbe war ein gräuliches Weiss, manchmal ein gräuliches Gelb. Es musste in den Heimen eine grosse Bettinspektion stattgefunden haben, sie hingen in langen Reihen und waren nicht zu übersehen, unflatterhaft, züchtig, manchmal gab es gemusterte unter ihnen, das Muster, die Blumen waren ausgebleicht, der Stoff aber war robust, dass er jahrelanges Waschen leicht ertrug. Alle hatten denselben Schnitt, unten einen langen weiten Hemdenteil, oben ein mit einem Knopf hochzuschliessendes Göller, das sich mit einem Bändel um den Hals legen musste, lange enge Ärmel, mit einem Knopf über dem Handgelenk zu schliessen. Es waren dreiundzwanzig Hemden, die zwischen Bethesda, Zion und Karmel aufgehängt waren.

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