Meienberg Niklaus

Niklaus Meienberg wurde am 11.5.1940 in St.Gallen geboren. Von 1955 bis 1960 besuchte er die benediktinische Klosterschule und Gymnasium in Disentis. Nach der Matura hielt er sich für ein Jahr in den USA auf und arbeitete dort als Büro-Gehilfe und Bulldozer-Fahrer. Ab 1961 studierte Meienberg Geschichte in Fribourg, New York und Paris. Ein französisches Stipendium führte ihn 1966 nach Paris, wo er bis 1970 als freier Korrespondent für die "Weltwoche" arbeitete. Anschliessend war Niklaus Meienberg Mitarbeiter des "Tages Anzeiger Magazins" und weiterer Printmedien, sowie verschiedener Radio- und Fernsehanstalten. 1975 wurde er beim Schweizer Fernsehen vor die Tür gestellt, 1976 entliess ihn der "Tages Anzeiger" und belegte ihn mit einem Schreibverbot. Auch den Dienst als Büro-Leiter des "Stern" in Paris (1982/1983) musste der scharfzüngige Kritiker Meienberg schon bald quittieren. Er wirkte fortan als freier Mitarbeiter der "WochenZeitung" und der "Weltwoche" und wandte sich der Schriftstellerei zu. Sein kritisches Engagement blieb bestehen und er war im Zuge seiner Reportagen polizeilicher Fahndung, Verfolgung und Bedrohung ausgesetzt. Niklaus Meienberg wählte am 23. September 1993 in Zürich den Freitod. Der sensible und kritische Beobachter Meienberg gilt als eine der kantigsten und streitbarsten Figuren des öffentlichen Lebens in der Schweiz. Er hat mit seinen Arbeiten über die jüngere schweizerische Vergangenheit und über zeitgenössische politische Themen massgeblich zur öffentlichen Auseinandersetzung mit der Schweiz im 20. Jahrhundert beigetragen.

Links
www.meienberg.ch
www.srf.ch/play/tv/me_schonvergessen/video/tod-von-niklaus-meienberg?id=37a48a85-b54f-4d21-8dc8-146e04c7ad55
www.youtube.com/watch?v=mYmDRNO3Ats
www.woz.ch/-42f5
ead.nb.admin.ch/html/meienberg.html

Werke:
  • Reportagen aus der Schweiz. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand, 1975
  • Das Schmettern des gallischen Hahns. Reportagen aus Frankreich. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand, 1976
  • Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand, 1977
  • Es ist kalt in Brandenburg. Ein Hitler-Attentat. Zürich: Limmat, 1980
  • Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge. Poesie 1966-1981. Zürich: Limmat, 1981
  • Vorspiegelung wahrer Tatsachen. Zürich: Limmat, 1983
  • Der wissenschaftliche Spazierstock. Zürich: Limmat, 1985
  • Heimsuchungen. Ein ausschweifendes Lesebuch. Zürich: Diogenes, 1986
  • Die Welt als Wille und Wahn. Elemente zur Naturgeschichte eines Clans. Zürich: Limmat, 1987
  • Vielleicht sind wir morgen schon bleich und tot. Zürich: Limmat, 1989
  • Weh unser guter Kasper ist tot. Zürich: Limmat, 1991
  • Zunder. Überfälle, Übergriffe, Überbleibsel. Zürich: Diogenes, 1993
  • Geschichte der Liebe und des Liebäugelns. Zürich: Limmat, 1993
  • Reportagen. Ausgewählt und zusammengestellt von Marianne Fehr, Erwin Künzli und Jürg Zimmerli. Zürich: Limmat, 2000

Auszeichnungen:
  • Beitrag der Schweizerischen Schillerstiftung (1975)
  • Werkjahr Pro Helvetia (1980)
  • Werkpreis der Max-Frisch-Stiftung (1988)
  • Zürcher Journalistenpreis (1989)
  • Kulturpreis der Stadt St.Gallen (1990)

Textausschnitt aus "Ernst S., Landesverräter (1919-1942)" in "Reportagen aus der Schweiz" [S. 163-164]

Ein anderer Zeuge, Dr. Zollikofer, der Verteidiger des S., sagt, die Erschiessung sei nicht auf Anhieb gelungen. Der durch die Schüsse verursachte Luftzug habe die Fackeln gelöscht. Man habe sie wieder entzündet, und die beiden Armeeärzte, Dr. Notter FMH und Dr. Ivanovitch, untersuchten den leblosen Körper des S. Dabei stellte sich heraus, dass keiner der Schüsse tödlich gewesen war, obwohl aus wenig Schritt Entfernung abgegeben. Der kommandierende Oberst Birenstihl habe deshalb einem Oberleutnant den reglementären Fangschuss befohlen. Dieser Oberleutnant, ein „phantastischer Schütze“, habe seine Pistole gezückt und, mit Geschicklichkeit aus nächster Nähe zielend, einen Schuss abgegeben, welchen man wirklich „Tells Geschoss“ nennen könne. Die Kugel sei stracks in den Tränenkanal eingedrungen, ohne Verwüstungen am Schädel des S. anzurichten, so dass den Zuschauern der Anblick von herumspritzenden Hirnteilen und dergleichen erspart worden sei. Dr. Zollikofer bestätigt, dass ein Rudel höherer Offiziere sich die Exekution nicht entgehen lassen wollte; die Offiziere blieben aber im Hintergrund, weil Oberst Birenstihl sie gebeten hatte, nicht allzu deutlich in Erscheinung zu treten.

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