Matt Peter von

Peter von Matt (geb. 20. Mai 1937 in Luzern) wuchs in Stans im Kanton Nidwalden auf. Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte in Zürich promovierte er bei Emil Staiger und habilitierte sich 1970 mit einer Arbeit über E.T.A. Hoffmann. 1976 trat Peter von Matt Emil Staigers Nachfolge als ordentlicher Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich an. Den Lehrstuhl hielt er bis 2002 inne. Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, der Sächsischen Akademie der Künste Dresden und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste München. Sein grosses Renommee hat allerdings nicht nur mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zu tun, sondern auch mit seiner einzigartigen Fähigkeit, als Vermittler zwischen akademischer und öffentlich-politischer Welt aufzutreten. Er nimmt seine Rolle als engagierter Intellektueller ernst und scheut auch die Auseinandersetzung mit seinen Gegnern nicht. Vor allem aber versteht sich Peter von Matt als Vermittler zwischen Wissenschaft und Literatur. In zahlreichen Essaybänden, die sich durch eine grosse Belesenheit und durch einen eloquenten, nicht nur in Wissenschaftskreisen verständlichen Stil auszeichnen, gelingt es Peter von Matt, eine breitere Bevölkerungsschicht mit den Geheimnissen und Offenbarungen der Literatur vertraut zu machen. Foto: Maja Schelldorfer

Links
ansichten.srf.ch/autoren/peter-von-matt/
www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Er-schreibt-deutsch-nicht-germanistisch/story/30860567
www.srf.ch/player/radio/kultur-clip/audio/peter-von-matt-lesung-dada-%E2%80%93-eine-miniatur?id=ccb71dcd-464c-4064-9cf9-0789899a8b51
www.videoportal.sf.tv/video?id=2381e927-1ffb-465b-b923-d54e69d5ecdc
www.schweizamsonntag.ch/ressort/menschen/ueberall_die_meinung_wir_sind_die_besten_das_ist_ein_wahn/
www.zeit.de/2015/35/peter-von-matt-franz-steinegger

Werke:
  • Der Grundriss von Grillparzers Bühnenkunst. Zürich: Atlantis, 1965 (Dissertation)
  • Die Augen der Automaten. E.T.A. Hoffmanns Imaginationslehre als Prinzip seiner Erzählkunst. Tübingen: Niemeyer, 1971 (Habilitation)
  • Literaturwissenschaft und Psychoanalyse. Eine Einführung. Freiburg/Br.: Rombach, 1972
  • … fertig ist das Angesicht. Zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts. München: Hanser, 1983
  • Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur. München: Hanser, 1989
  • Der Zwiespalt der Wortmächtigen. Essays zur Literatur. Zürich: Benziger, 1991
  • Das Schicksal der Phantasie. Studien zur deutschen Literatur. München: Hanser, 1994
  • Verkommene Söhne, missratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur. München: Hanser, 1995
  • Die verdächtige Pracht. Über Dichtung und Gedichte. München: Hanser, 1998
  • Wohlan! So bin ich deiner los du freches liederliches Weib! Über das doppelte Gesicht des Abschieds und das grosse Adieu vom 20. Jahrhundert. Zürich: Ammann, 2000
  • Die tintenblauen Eidgenossen. Über die literarische und politische Schweiz. München: Hanser, 2001
  • Öffentliche Verehrung der Luftgeister. Reden zur Literatur. München: Hanser, 2003
  • Köpfe, Klänge und Geschichten. Zur literarischen Kultur der Innerschweiz. Luzern: Comenius, 2004
  • Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist. München: Hanser, 2006
  • Das Wilde und die Ordnung. Zur deutschen Literatur. München: Hanser, 2007
  • Der Entflammte. Über Elias Canetti. Zürich: Nagel & Kimche, 2007
  • Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte. München: Hanser, 2009
  • Der unvergessene Verrat am Mythos. Über die Wissenschaft in der literarischen Phantasie. Basel: Schwabe, 2009
  • Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz. München: Hanser, 2012
  • Begegnungen zwischen Recht, Gerechtigkeit und Sympathie. Baden-Baden: Nomos, 2013
  • Herausgeber von Anthologien und Einzelwerken:
  • Goethe erzählt: Geschichten, Novellen, Schilderungen, Abenteuer und Geständnisse. Zürich: Artemis, 1982
  • Schöne Geschichten! Deutsche Erzählkunst aus zwei Jahrhunderten. Stuttgart: Reclam, 1992
  • Die schönsten Gedichte der Schweiz. Hg. mit Dirk Vaihinger. Zürich: Nagel & Kimche, 2002
  • Franz Grillparzer. Gedichte. Stuttgart: Reclam, 1970
  • Adalbert von Chamisso: Gedichte und Versgeschichten. Stuttgart: Reclam, 1971
  • Ludwig Uhland: Gedichte. Stuttgart: Reclam, 1974
  • Heinrich Heine: Die Bäder von Lucca/Die Stadt Lucca. Stuttgart: Reclam, 1977
  • Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter. Reclam 2009
  • Erstausgabe von Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Berlin: Suhrkamp 2012
  • Seit 2003 Herausgeber der Reihe KOLLEKTION mit Werken der neueren Schweizer Literatur. Zürich: Nagel & Kimche (Gottfried Keller 2003, Adelheid Duvanel 2004, Jakob Schaffner 2005, Arnold Kübler 2006, Regina Ullmann 2007, Philippe Jaccottet 2008, Otto F. Walter 2008, Hermann Burger 2009, C.F. Ramuz 2009, Max Frisch 2010, Jeremias Gotthelf 2012, S. Corinna Bille 2012)

Auszeichnungen:
  • Johann-Heinrich-Merck-Preis (1991)
  • Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin (1992/93)
  • Johann-Peter-Hebel-Preis (1994)
  • Kulturpreis der Innerschweiz (1995; an Beatrice und Peter von Matt)
  • Preis der Frankfurter Anthologie (1998)
  • Kunstpreis der Stadt Zürich (2000)
  • Orden Pour le mérite (2000)
  • Friedrich-Märker-Preis für Essayisten (2001)
  • Fellow der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung (2001/02)
  • Europäischer Essaypreis Charles Veillon (2003)
  • Deutscher Sprachpreis Weimar (2004)
  • Heinrich-Mann-Preis (2006)
  • Brüder-Grimm-Preis der Philipps-Universität Marburg (2007)
  • Jahrespreis der Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur Zürich (2011)
  • Schweizer Buchpreis (2012)
  • Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2014)

Textausschnitt aus „Öffentliche Verehrung der Luftgeister. Reden zur Literatur“ [S. 9]

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Gegenwart, dass die Dichter nicht mehr als Rätsel gelten. Man betrachtet sie nicht anders als andere Leute, die ihr Leben lang mit Papier umgehen, Bibliothekare etwa, Grundbuchbeamte oder Verleger von Kochbüchern. Wobei man bei den Dichtern höchstens ein etwas geringeres Einkommen vermutet und eine stärker traumatisierte Kindheit. Diese hat sie so empfindlich gemacht. Von ihr schreiben sie daher auch besonders bewegt und schildern immer wieder, was man ihnen einst angetan hat. Die Kindheit als Zeit der Wunden, die nie mehr heilen wollen, der versagenden Eltern, der Verletzungen durch eine gefühlskalte Umgebung hat heute den Rang eingenommen, der einst den mythischen Berichten zukam. Als Zeit der schicksalhaften Prägung ist die Kindheit zu einem genuinen Mythos in der aufgeklärten Welt geworden, um so unangreifbarer, je mehr er sich als psychologische Wahrheit gibt, als Wissenschaft also.
Die grossen, alten Bilder, mit deren Hilfe man einst das Rätsel der Dichter zu deuten versuchte, sind erloschen, weil sie der geläufigen Psychologie keinen Widerstand bieten konnten. Der blinde Seher und Sänger gehörte dazu, der von einer Gottheit Geschlagene, der um der Kunst willen allem entsagen muss, was die Gewöhnlichen erfreut und vergnügt. Noch dem verzweifelten Tasso gab „ein Gott“, zu sagen, was er litt. Der Heimatlose, Umhergetriebene gehörte dazu, der den Sirenen folgte und für das ekstatische Glück mit öden, traurigen Jahren zu büssen hatte: „So still wars rings in die Runde, / Und über die Wasser wehts kalt.“ So steht es bei Eichendorff.

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