Lavater Johann Kaspar

Johann Kaspar Lavater wurde am 15. November 1741 als dreizehntes Kind eines Arztes in Zürich geboren. Nach der deutschen Schule besuchte er 1747-1754 eine Lateinschule, ehe er an das Collegium Humanitas wechselte. Am Collegium Carolinum studierte er von 1756-62 Theologie, Philosophie und Philologie bei Bodmer und Breitinger. Nach seiner Ordination erntete der gesellschaftspolitisch engagierte und republikanisch denkende Lavater mit seiner politischen Erstlingsschrift den Zorn der Aristokratie. 1763 unternahm er eine einjährige Bildungsreise, wobei er unter anderen mit Gellert, Klopstock, Mendelssohn und Nicolai zusammentraf. In die Schweiz zurückgekehrt, erhielt Lavater 1769 eine Stelle als Diakon an der Zürcher Waisenhauskirche, wo er neben der Predigt auch Waisenkinder und Zuchthausinsassen zu betreuen hatte. In diesen Jahren war der junge Geistliche literarisch sehr produktiv und verfasste eine ganze Reihe von naturphilosophischen und psychologischen Schriften. Lavater entwickelte mit diesen Arbeiten sein philosophisches Weltbild. Nach umfangreichen Vorarbeiten erschien in dieser Phase auch sein Hauptwerk, die „Physiognomischen Fragmente“(1775-78), in denen er den Versuch unternahm, nachzuweisen, aus Gestalt und Haltung eines Menschen, auf dessen Seele zu schliessen zu können. Die Schrift machte Lavater schnell bekannt und die englische, sowie die französische Ausgabe sorgten für eine Verbreitung in ganz Europa. Lavater etablierte mit seinem Werk die Physiognomik als „himmlische Natursprache der Wahrheit“. In der Folge legte er eine äusserst umfangreiche Sammlung von Bildnissen an, um seine Erkenntnisse noch zu vertiefen. Seine Kollektion wuchs auf über 22 000 Blatt an. 1774 traf Lavater auf einer Reise zur Kur neben Goethe noch weitere Geistesgrössen seiner Zeit. Freundschaftlichen Austausch pflegte er mit Herder und J.G. Hamann. Ein Jahr darauf wurde er Pfarrer an der Waisenhauskirche. Die Stelle gab er 1786 auf um an der St.Peterkirche als Diakon zu wirken. In diesen Zeit widmete er sich vermehrt der Bibelauslegung. Auch sein literarischer Schwerpunkt hatte sich auf das Verfassen religiöser Gedichte, Epen, Erzählungen für die Jugend und biblischer Dramen verschoben. Als Prediger war Lavater bald bis in den deutschen Raum bekannt und wurde häufig zu Gastpredigten gebeten. Er lehnte es jedoch ab, Zürich für längere Zeit zu verlassen. 1787 trat er in St.Peter eine Pfarrstelle an und hatte fortan auch weitere Funktionen wie die Mitgliedschaft im Ehegericht, Schulherr und Examinator inne. Ebenso übernahm Lavater gesamtkirchliche und kirchenleitende Aufgaben. Durch den Ausbruch der Französischen Revolution, dem er anfangs mit Sympathie gegenüberstand, wurde Lavater vermehrt politisch aktiv. Sein politsch-patriotisches Engagement in der „Helvetischen Gesellschaft“ trug auch zu seiner Haltung bei. Lavater kritisierte heftig die Schärfe der Besatzungsmassnahmen nach der französischen Einnahme Zürichs 1797. Im Frühjahr wurde er wegen seinem Engagements verhaftet und nach Basel deportiert. Zurück in Zürich wurde Lavater bei der erneuten Einnahme seiner Heimatstadt am 26. 9.1799 angeschossen. Fünfzehn Monate später, am 2. Januar 1801, starb Johann Kaspar Lavater an den Folgen seiner Verletzung. Lavater gilt als der umstrittenste Autor des 18. Jahrhunderts trug er doch mit der Physiognomik auch zur Ausprägung von rassistischen und sexistischen Vorurteilen bei. Seine literarische Bedeutung ist jedoch unbestritten, hatte er doch als Anhänger des Sturm und Drangs eine wichtige Funktion in der Vermittlung zwischen pietistischen und ästhetischen Positionen.

Links
www.lavater.com/
www.lavater.uzh.ch/de.html

Werke:
  • Der ungerechte Landvogt, oder Klagen eines Patrioten. Mit Heinrich Füssli. 1762
  • Schweizerlieder. 1767
  • Aussichten in die Ewigkeit. 1768-78
  • Drey Fragen von den Gaben des Heiligen Geistes. 1769
  • Geheimes Tagebuch. Von einem Beobachter seiner Selbst. Hrsg. von Georg Joachim Zollikofer. 1771
  • Von der Physiognomik. 1772
  • Unveränderte Fragmente aus dem Tagebuch eines Beobachters seiner Selbst. 1773
  • Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe. 4 Bde. 1775-78
  • Abraham und Isaak. Religiöses Drama. 1776
  • Jesus Christus oder Die Zukunft des Herrn. 1780
  • Pontius Pilatus. 1782-85
  • Nathanael. 1786
  • Christlicher Religionsunterricht für denkende Jünglinge. 1788
  • Johann Caspar Lavaters vermischte physiognomische Regeln, ein Manuskript für Freunde. 1793
  • Regeln für Kinder. 1793
  • Reise nach Kopenhagen im Sommer 1793. 1793
  • Ein Wort eines freyen Schweizers an die grosse Nation. 1798
  • Freymüthige Briefe. 1800-01

Textausschnitt aus "Physiognomische Fragmente" [S. 13]

Von der Physiognomik
Da dieses Wort so oft in dieser Schrift vorkommt, so muss ich vor allen Dingen sagen, was ich darunter verstehe: Nämlich – die Fertigkeit durch das Äusserliche eines Menschen sein Innres zu erkennen; das, was nicht unmittelbar in die Sinne fällt, vermittelst irgend eines natürlichen Ausdrucks wahrzunehmen. In so fern ich von der Physiognomik als einer Wissenschaft rede – begreif` ich unter Physiognomie alle unmittelbaren Äusserungen des Menschen. Alle Züge, Umrisse, alle passive und active Bewegungen, alle Lagen und Stellungen des menschlichen Körpers; alles, wodurch der leidende oder handelnde Mensch unmittelbar bemerkt werden kann, wodurch er seine Person zeigt – ist der Gegenstand der Physiognomik.

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