Lansel Peider

Peider Lansel wurde am 15. August 1863 als Sohn einer wohlhabenden Auswandererfamilie aus Sent in Pisa geboren. Er war das älteste von sieben Kindern. Bis zum neunten Lebensjahr wuchs er in Pisa auf; den Sommer verbrachte er jeweils im Engadin. Danach besuchte er die Schule in Sent, später die Kantonsschule in Chur. Dem Besuch der Handelsschule in Frauenfeld folgte ein einjähriger Aufenthalt in Rolle VD. Nach Lehrjahren in Arezzo und Livorno übernahm er als 21-jähriger das väterliche Kolonialwarengeschäft in Pisa und führte dieses mit Erfolg. Wegen einer unerwiderten Liebe überliess er aber nach wenigen Jahren das Geschäft mehr oder weniger seinen Brüdern. 1893 heiratete Lansel Emma Curdin aus Sent. Ihre vier Kinder wurden alle in Pisa geboren. 1906 kehrte die Familie in die Schweiz zurück, zuerst nach Sent, dann für die Ausbildung der Kinder nach Genf. Peider Lansel verbrachte jedes Jahr einige Monate im Engadin. Jetzt widmete er sich intensiv dem Studium der romanischen Kultur und vermehrt seiner Arbeit als Dichter und Schriftsteller. Er publizierte seine Werke in bibliophilen Ausgaben, besorgte die Edition von Werken anderer Autoren und gab verschiedene Lyrik-Anthologien heraus. 1911 gründete er mit Otto Gaudenz den Chalender Ladin, ein Jahreskalender, der bis heute erscheint. 1926 war Peider Lansel nach dem Tode seines Schwagers und seines Sohnes gezwungen, nochmals in die Geschäfte in Italien zurückzukehren. Er liess sich mit seiner Frau und der verwitweten Tochter in Livorno nieder, wo er von 1927 bis 1934 als Schweizer Konsul amtete. 1934 kehrte er endgültig in die Schweiz zurück. Er verstarb am 9. Dezember 1943 in Genf.

Werke:
  • Ouvras da Peider Lansel. Tom I: Poesias originalas e versiuns poeticas. Hrsg. von Andri Peer. Ediziun da l’Uniun dals Grischs e da la Lia Rumantscha, 1966
  • Ouvras da Peider Lansel. Tom II: Prosa, essais, artichels e correspundenza. Hrsg. von Rico Valär. Ediziun da l’Institut grischun per la perscrutaziun da la cultura e da la Fundaziun Not Vital da Sent (mit ausführlicher Bibliografie S. 561 ff.). Chur: Chasa editura rumantscha, 2012

Auszeichnungen:
  • Doktor h.c. der Universität Zürich (1933)
  • Grosser Preis der Schillerstiftung (1943)

Textausschnitt aus Il plain in pignia

Eu’m guardet intuorn. Mo che deira quai? Ingio mà am rechattaiva? Ningün fastizzi da staziun, var tschient meters plü invia: dasper ad ün pêr glüms da segnal chi glüschivan tanter las roderas, ün chasottel da guardian. Inguotta oter – ni üna chasa, ni ün bös-ch. Per quant l’ögl podaiva tendscher suot il tschêl surtrat e sainza glüna, as stendaiva la deserta planüra da Maremma.
Cur ch’eu rivet pro’l chasottel il guardian staiva spettand, instupi da verar inchün gnir jo dal tren, forsa eir stupetus chi saja alch da nö’dret. Pür cun granda fadia rivet a persvader quel tier (nö’ jüsta dals plü furbers) ch’eu saja sigli jo dal express be per sbagl. Da mia vart, nun dovret lönch per am render quint, ch’eu am rechattaiva uossa in d’üna bella buoglia!

Ich schaute mich um. Was war das? Wo um alles in der Welt befand ich mich? Keine Spur einer Station; einzig etwa hundert Meter weiter stand ein Wärterhäuschen neben einigen Signallampen, die zwischen den Gleisen leuchteten. Sonst nichts, kein Haus, kein Baum. So weit das Auge unter dem bedeckten dunkeln Himmel reichte, erstreckte sich die einsame Ebene der Maremma.
Als ich beim Häuschen ankam, stand dort der Wärter, verblüfft, jemanden vom Zug kommen zu sehen; vielleicht meinte er auch, etwas gehe nicht mit rechten Dingen zu und her. Nur mit grosser Mühe konnte ich den guten Mann (nicht gerade von der schlausten Sorte) davon überzeugen, dass ich irrtümlich aus dem Zug gestiegen war. Ich aber konnte mir nun leicht ausrechnen, dass ich ganz schön in der Patsche sass!

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