Laederach Jürg

Jürg Laederach wurde am 20.12.1945 in Basel geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums humanistischer Richtung und der erfolgreichen Matura begann seine universitäre Ausbildung. An der ETH in Zürich studierte er Mathematik und Physik. Romanistik, Anglistik und Musikwissenschaften schloss Laederach an der Universität seiner Heimatstadt ab. Nach seinen Studien arbeitete er als Lehrer, Werbetexter und Gastdozent (Grazer Poetikvorlesungen 1986/87). Längere Aufenthalte folgten in Oxford, Graz, New York, Berlin und Essen. Heute lebt Jürg Laederach als freier Schriftsteller in Basel. Er hat sich einen Namen gemacht als Übersetzer aus dem Französischen und Amerikanischen. Zudem schreibt Laederach Theaterstücke. Der leidenschaftliche Saxophonist und Klarinettist strukturiert seine Texte häufig nach ausserliterarischen Ordnungsmustern. Laederachs Werk lässt sich zu einem grossen Teil der experimentellen Literatur zuordnen.

Links
www.zeit.de/autoren/L/Juerg_Laederach/index.xml
ansichten.srf.ch/autoren/juerg-laederach/
www.nzz.ch/feuilleton/buecher/klassische-musik-fand-ich-etwas-lahm-1.18665429
kretzen.info/fuer-juerg-laederach/

Werke:
  • Einfall der Dämmerung. Erzählungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1974
  • Im Verlauf einer langen Erinnerung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1977
  • Das ganze Leben. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1978
  • Die Lehrerin verspricht der Negerin wärmere Tränen. Theaterstück. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1978
  • Fahles Ende kleiner Begierden. Vier minimale Stücke. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1979 (Enthält: Japanische Spiele/Rost oder Das Denken ist immer/Nacht denken/Han und Amin)
  • Das Buch der Klagen. Sechs Erzählungen aus dem technischen Zeitalter. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1980
  • Nach Einfall der Dämmerung. Erzählungen und Erzählungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1982
  • Passion. Ein Geständnis. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1982
  • 69 Arten den Blues zu spielen. Geschichten. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1984
  • Tod eines Kellners. Theaterstück. Mit Andreas Müry. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1984
  • Flugelmeyers Wahn. Die letzten sieben Tage. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1986
  • Sigmund oder Der Herr der Seelen tötet seine. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1986
  • Körper brennen. Theaterstück. Mit Andreas Müry. Graz: Droschl, 1986
  • Vor Schrecken starr. Fixierungen, Stechblicke, Obsessionen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988
  • Der zweite Sinn oder Unsentimentale Reise durch ein Feld Literatur. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988
  • Emanuel. Wörterbuch des hingerissenen Flaneurs. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1990
  • Schattenmänner. Erzählungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994
  • Eccentric. Kunst und Leben. Figuren der Seltsamkeit. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1995
  • Über Robert Walser. Zwei Essays. Mit William H. Gass. Salzburg: Residenz, 1997
  • Im Hackensack. Vier minimale Stücke. Basel: U.Engeler, 2003
  • Depeschen nach Mailand. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2009
  • Harmfuls Hölle. Erzählungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2011

Auszeichnungen:
  • Förderungspreis der Stadt Bern (1976 / 1978)
  • Preis des Literaturkredits der Stadt Bern (1979 / 1985)
  • Förderungspreis der Stadt Berlin (1980)
  • Förderpreis der Berliner Akademie der Künste (1981)
  • Kleiner Basler Kunstpreis (1984)
  • „manuskripte“-Literaturpreis der Steiermärkischen Landesregierung (1986)
  • Literaturpreis der Stadt Basel (1988)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1990)
  • Österreichischer Staatspreis für europäische Literatur (1997)
  • Grosser Literaturpreis des Kantons Bern (2001)
  • Korrespondierendes Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (2002)

Textausschnitt aus "Emanuel. Wörterbuch des hingerissenen Flaneurs" [S. 139-140]

Die Nacht war so tief wie vorher. Das Landhaus lag in der durchdringendsten Ruhe auf seiner weiten Ebene, deren Weiträumigkeit mit dem Begriff „Drei Stunden Fahrt zum nächsten Haus“ sowohl eingegrenzt war wie auch nicht. Des Berbers Zottenränder krochen den Wänden entlang. Der Teppich suhlte sich in seinem Liegen, ein ausgebreitetes Ruhen höchster Dringlichkeit. Grundsätzlich war nichts anders geworden. Nur vielleicht ein wenig, von den Rändern her. Alles geschah jetzt etwas plötzlicher. „Nun muss ich etwas bewegen“, sagte Emanuel. – „Sehr schön“, sagte Agnes. – „Ich werde ihn ermorden“, sagte Emanuel. – „Die Klebstellen lösen sich auf“, sagte Agnes. – „Sie üben Druck auf die Materie aus, sehe ich“, sagte Emanuel. – „Das muss so sein. Und bei genügendem Druck fallen die Teile auseinander“, sagte Agnes. – „Sie sind unbewegt, Agnes. Ich werde ihn ermorden“, sagte Emanuel. – „Wen wollen Sie ermorden?“ fragte Agnes. – „Ihr Druck ist ungeheuer“, sagte Emanuel. – „Emanuel, wen?“ fragte Agnes. – „Ungeschickt, wenn man befiehlt, zum Beispiel, ein Glass soll werden zerbrochen“, sagte Emanuel. – „Jetzt ist alles zerbrochen“, sagte Agnes. – „Glauben Sie“, sagte Emanuel. – „Alles zerbrochen. Soeben hielt alles noch zusammen wie Pech und ... Pech“, sagte Agnes. – „Das glauben Sie. Sie wissen weder, wann es zusammenhält, noch, wann es bricht, Agnes. Sie wissen nichts von den Zuständen des Haftens. Ich übrigens auch nicht. Momentane Berechnungen sind möglich. Aber die erfassen nur eine bestimmte Lage. Die nächste Lage kann ganz anders sein. Man wird mit Rechnen nie fertig, Agnes“, sagte Emanuel. – „Sie werden mit Rechnen nicht fertig, Emanuel“, sagte Agnes. – „Leider“, sagte Emanuel. – „Nie fertig mit dem Rechnen. Leider“, sagte Agnes. – „Tja“, sagte Emanuel. – „Wen ermorden Sie mir, sagen Sie?“ fragte Agnes. – „Das ahnen Sie doch. Er ist ältlich und dicklich geworden. Ich tue ihm damit einen Gefallen“, sagte Emanuel. – „Das glaube ich nicht ganz“, sagte Agnes. – „Was?“ fragte Emanuel. – „Dass Sie ihn ermorden. Meinen Vater, meine ich“, sagte Agnes. – „Ihren Vater? Sie wollen, dass ich ihren Vater ermorde? Hört hört“, sagte Emanuel.

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