Krohn Tim

Tim Krohn wurde am 9.2.1965 in Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) geboren. Aufgewachsen ist er im Kanton Glarus, wo er auch die Schulen besuchte und die Matura machte. Krohn hat sein Studium der Germanistik, Philosophie und Politologie (1984-1992) abgebrochen und sich im Regiebereich weitergebildet. Seit 1992 ist er freischaffender Theater- und Romanautor. Krohns Theaterstücke, Hörspiele, Erzählungen und Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Neben seinen belletristischen Arbeiten hat Krohn auch literaturtheoretische Essays verfasst. Von 1998 bis 2001 war der Autor Präsident des Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverbandes (SSV). Tim Krohn lebt heute in Zürich.

Links
www.timkrohn.ch
ansichten.srf.ch/autoren/tim-krohn/
www.woz.ch/-e6c
www.nzz.ch/bei-den-seelenen-1.580094

Werke:
  • Fäustchen. Roman. Zürich: Edition Herbszt, 1990
  • Surfer / Zeitalter des Esels. Stücke. Zürich: Edition Herbszt, 1992
  • Die apokalyptische Show von den vier Flüssen Manhattans. Ein Spiel für sechs Darstellerinnen. Frankfurt a. M.: Verlag der Autoren, 1994
  • Der Schwan in Stücken. Erzählung. Zürich: Ammann, 1994
  • Polly. Dreigroschenstück ohne Gesang. Frankfurt a. M.: Verlag der Autoren, 1995
  • Die kleine Oper vom Herbstmondfächer. Nach Seami Motokiyo. Stuttgart: Edition Solitude, 1996
  • Dreigroschenkabinett. Roman. Frankfurt a. M.: Gatza bei Eichborn, 1997
  • Quatemberkinder und wie das Vreneli die Gletscher brünnen machte. Roman. Frankfurt a. M.: Eichborn, 1998
  • Irinas Buch der leichtfertigen Liebe. Roman. Frankfurt a. M.: Eichborn, 2000
  • Bienen, Königinnen, Schwäne in Stücken. Basel: Engeler, 2002
  • Die Erfindung der Welt. Roman. Mit Elisa Ortega. Frankfurt a. M.: Eichborn, 2002
  • Heimweh. Hamburg: Mare Buchverlag, 2005
  • Vrenelis Gärtli. Berlin: Eichborn, 2007
  • Warum die Erde rund ist. 111 Schöpfungsmythen. Frankfurt/M.: Eichborn, 2008
  • Ans Meer. Berlin: Galiani bei Kiepenheuer & Witsch, 2009
  • Der Geist am Berg. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010
  • Aus dem Leben einer Matratze bester Machart. Berlin: Galiani, 2014
  • Nachts in Vals. Berlin: Galiani, 2015
  • Herr Brechbühl sucht eine Katze. Roman. Berlin: Galiani, 2017

Auszeichnungen:
  • Werkbeitrag des Kantons Glarus (1989 / 1992 / 1997)
  • Arbeitsstipendium Binz 39 in Scuol (1992)
  • Preisträger des 1. Internationalen Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin (1993)
  • UNDA-Radiopreis (1993)
  • Arbeitsstipendium des Kantons Zürich (1993)
  • Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis (1994)
  • Aufenthaltsstipendium Literarisches Colloquium Berlin (1995)
  • Halbes Werkjahr der Stadt Zürich (1995)
  • Aufenthaltsstipendium der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart (1996)
  • Aufenthalt im Ledig-Rowohlt-Haus in Berlin (1997)
  • Autorenstipendium des Heinrich-Heine-Hauses (1997)
  • Preis der Schweiz.Schillerstiftung (1998)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (1998)
  • Werkbeitrag des Kantons Zürich (1998)
  • Berlin-Stipendium des Kantons Zürich (2000)
  • Fördergabe der Intern. Bodensee-Konferenz (2000)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (2003)
  • Glarner Kulturpreis (2010)

Textausschnitt aus "Irinas Buch der leichtfertigen Liebe" [S. 19-20]

Und irgendwann stand ich vor einer Lingerie mit ein paar hinreissenden Korsetten im Fenster. Die Scheiben waren etwas beschlagen und der Laden unter den Wolkenschatten so sehr im Dunkeln, dass ich annahm, er sei geschlossen. Und nachdem ich schon eine ganze Weile ziemlich hemmungslos an der Scheibe geklebt hatte, um bis in die Regale zu sehen, bemerkte ich, dass im Laden eine Frau vor einem Spiegel stand, in einem weissen, knielangen, völlig durchnässten Kleid. Sie hatte mir den Rücken zugewandt, aber Ira: ich sah ihre Haltung und ihre Hände, als sie versuchte, ihr Haar zu ordnen, ihre zögernden Bewegungen – und plötzlich war mir ganz so, als würde ich mich selbst betrachten! Als wäre ich du und würde mit deinen Augen mich von aussen betrachten...
Ach Gott, es war unglaublich, wie kann ich es dir beschreiben, dass du begreifst, wie überwältigt ich war? Ich weiss nicht, ob die Frau im Wäschegeschäft irgendeine Ähnlichkeit mit mir hatte; ihre Bewegungen, ihr Körper, die Art, wie das Kleid über den Körper halb fiel, halb an ihm klebte, und dann die Haare, diese dünnen, nassen, wunderbaren Haare, die ihr in Spitzen über den Schultern lagen wie Spatzenfüsse, dieser Anblick war mir unendlich vertraut – doch nicht vertraut wie etwas Eigenes, sondern wie etwas lange Geliebtes, wie etwas vertraut Begehrtes. Ira, ich sah sie ebenso ungehemmt liebevoll und beherrschend an, wie du mich ansehen kannst, wenn ich dabei bin, mich zu frisieren oder zu schminken – und ich begehrte sie, wie du mich begehrst! Ich hatte eine unglaubliche Sehnsucht nach ihr, gleichzeitig hatte ich den Eindruck, sie zu sein und überhaupt nicht sehnsüchtig, nur allein und einsam und glücklich in dieser Verlorenheit in diesem reinlichen, schattigen Wäschegeschäft im Zentrum einer grauen, nach Staub und Asbest riechenden, leergeschwemmten Stadt. Das alles ist verrückt, ich weiss, aber du wirst mich begreifen. Bitte, bitte, Liebster, sag, dass du mich begreifst!

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